Wendepunkt im Lebenslauf – für 13- bis 18-Jährige Patientinnen und Patienten ist die offene Station für Jugendliche mit Substanzkonsum-Störung der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Bezirkskrankenhaus Bayreuth oft ein Rettungsanker, weiß Psychotherapeut Jan Christian Kunze. Durch einen transparenten und respektvollen Umgang baut er seine Beziehung zu den Jugendlichen auf. Im Interview gibt er Einblicke in seine Arbeit.
Wie gestaltet sich der Alltag auf der Station für Jugendliche mit Substanzkonsum-Störung?
Jan Christian Kunze: Im Zentrum stehen tragfähige Bindungs- und Beziehungsangebote, die als Grundlage für Veränderungsprozesse dienen. Gleichzeitig wird großer Wert auf klare Strukturen, verbindliche Regeln und konsequente Grenzsetzung gelegt, um Orientierung und Sicherheit zu gewährleisten. Außerdem versuchen wir, suchtbezogene Inhalte im Alltag bewusst zu begrenzen, um zu vermeiden, dass sich die Patienten weiterhin übermäßig auf das Thema fokussieren. Vielmehr sollen die Patienten den Zusammenhang ihrer Suchterkrankung mit traumatischen- oder schwierigen Bindungserfahrungen verstehen lernen. Therapeutisch kommt unser sogenanntes „Anti-Craving-Setting“ zum Einsatz, das stärker auf psychosoziale Strategien zur Reduktion des Suchtdrucks fokussiert als auf medikamentöse Interventionen – wobei letztere bei schweren Verläufen ergänzend eingesetzt werden. Suchtvorfälle werden systematisch aufgearbeitet und in den therapeutischen Prozess integriert.
Mit welchen Problemlagen kommen Jugendliche zu Ihnen?
Kunze: Die Aufnahme erfolgt in der Regel bei bestehender Abhängigkeit oder schädlichem Substanzgebrauch. Häufig ist die Suchtproblematik dann aber eher Ausdruck tieferliegender psychischer Belastungen. Besonders häufig finden sich posttraumatische Belastungsstörungen, depressive Erkrankungen, Angststörungen sowie Bindungsstörungen oder beginnende Persönlichkeitsentwicklungsproblematiken. Substanzbezogene Störungen stehen formal im Vordergrund, fungieren jedoch oftmals als schlecht angepasste Bewältigungsstrategie. Verhaltenssüchte spielen ebenfalls eine Rolle, sind jedoch seltener der primäre Aufnahmegrund.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen in der suchttherapeutischen Arbeit mit Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen?
Kunze: Herausfordernd ist vor allem, das Familiensystem intensiv mit einzubeziehen. Denn es ist einerseits eine wichtige Ressource, kann andererseits aber auch konflikthaft oder belastend sein. Zudem sind die möglichen Maßnahmen im Anschluss an die stationäre Behandlung leider oft unzureichend. Das erschwert dann die langfristige Stabilisierung. Ein weiterer kritischer Punkt ist die notwendige Abgrenzung von konsumierenden Peergruppen, die im Jugendalter eine besonders hohe Bedeutung haben.
Wie gelingt es Ihnen, eine tragfähige Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen?
Kunze: Ich möchte authentisch und transparent sein und pflege eine respektvolle, zugewandte Haltung. Ich setze gezielt Methoden der motivierenden Gesprächsführung ein, um Veränderungsbereitschaft zu fördern. Außerdem nehme ich eine langfristige Perspektive ein: Mehrfachbehandlungen bedeuten kein Scheitern, sondern sind Teil eines Entwicklungsprozesses. Unterstützend wirken niedrigschwellige Vorangebote, etwa über eine angeschlossene Ambulanz, sowie kontinuierliche Begleitung über mehrere Jahre. Auch tiergestützte Interventionen – beispielsweise durch meinen Therapiebegleithund – können den Beziehungsaufbau erleichtern.
Welche Bedeutung hat das soziale Umfeld in der Behandlung?
Kunze: Das soziale Umfeld hat während der drei bis sechs Monate, die die Jugendlichen bei uns sind, eine zentrale Bedeutung für den Behandlungserfolg. Die Familie wird systematisch in den therapeutischen Prozess eingebunden, unter anderem durch regelmäßige Elterngespräche im Abstand von zwei bis drei Wochen sowie durch telefonische Kontakte. Ein wesentliches Element sind therapeutisch begleitete Belastungserprobungen, die in der Regel an Wochenenden stattfinden und eine schrittweise Reintegration in den Alltag ermöglichen. Parallel dazu wird die Abgrenzung von konsumierenden Peergruppen intensiv thematisiert und eingeübt. Auch Schule und andere soziale Systeme werden, sofern möglich, einbezogen.
Welche Methoden oder Ansätze haben sich in der Praxis besonders bewährt, um Jugendliche langfristig zu stabilisieren und Rückfälle zu vermeiden?
Kunze: Als hilfreich hat sich die differenzierte Unterscheidung zwischen „Suchtvorfällen“ und „Rückfällen“ erwiesen, insbesondere in der Arbeit mit Angehörigen. Diese Differenzierung trägt zur Entstigmatisierung bei und ermöglicht eine konstruktive Aufarbeitung. Zentral ist auch die Sicherstellung einer weiterführenden therapeutischen Anbindung nach der Entlassung sowie die Vermittlung in geeignete Anschlussmaßnahmen. Die Behandlung zu Grunde liegender psychischer Störungen spielt eine entscheidende Rolle, beispielsweise durch traumatherapeutische Verfahren.
Gibt es Erfolgserlebnisse, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Kunze: Sehr prägend sind Rückmeldungen von ehemaligen Patientinnen und Patienten, die berichten, dass sich ihre Lebenssituation nachhaltig verbessert hat. Oder wenn Jugendliche irgendwann später Kontakt aufnehmen und ihre stationäre Behandlung retrospektiv als Wendepunkt im Lebensverlauf beschreiben.
Welche Botschaft geben Sie betroffenen Jugendlichen und ihren Familien mit?
Kunze: Sucht sollte als Symptom eines tieferliegenden Problems verstanden werden. Entsprechend erfordert ihre Bewältigung Zeit, Geduld und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den zu Grunde liegenden Belastungen. Auch kleine Fortschritte sind bedeutsame Schritte im Veränderungsprozess. Ich rate Familien, ihre Kinder möglichst lange unterstützend zu begleiten und nicht vorschnell aufzugeben. Hilfe gibt es bei Jugendämtern, unserer spezialisierten Suchtambulanz, stationären Jugendhilfeeinrichtungen, psychosozialen Beratungsstellen sowie schulpsychologischen Dienste. Auch ambulante Therapeuten und Fachärzte können erste Anlaufstellen sein.
Kontakt:
Bezirkskrankenhaus Bayreuth
Nordring 2
95445 Bayreuth
www.gebo-med.de
Telefon: 0921 283-0
Hilfe:
Hilfe finden Eltern in unserer Angehörigenberatung oder den Selbsthilfegruppen: https://www.gebo-med.de/unternehmen/kooperationen#

