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Cannabis und Marihuana sind die weltweit am häufigsten konsumierten „illegalen" Substanzen. Typische akute Wirkungen des pflanzlichen Cannabis sind Sedierung, Euphorie, Entspannung, Rededrang, Verminderung von Reaktionszeit und Konzentration, Gleichgültigkeit und Denkstörungen. Bedenklich ist, dass in den letzten Jahren – unter Umgehung von Verbraucherschutz und Arzneimittelgesetz – zunehmend synthetische Cannabinoide (sog. „legal highs", exotische Räuchermischungen) auf den Markt kommen. Deren Konsum zeigt ähnliche Effekte wie bei pflanzlichen Cannabispräparaten, ist aber mit höheren Vergiftungsrisiken verbunden.

Rund 75 – 80 Millionen Menschen in Europa haben schon einmal Cannabis konsumiert. Etwa jeder zehnte Cannabiskonsument entwickelt eine Cannabisabhängigkeit. Beginnt der Konsum schon in der Jugend oder im Heranwachsendenalter, so steigt die Rate auf 17 %, bei täglichem Konsum sogar auf 25 bis 50 %.

Die Hauptschäden von Cannabis liegen auf seelischem Gebiet. Als Folge chronischen Gebrauchs kann sich ein sog. amotivationales Syndrom entwickeln mit schwerwiegenden psychosozialen Folgen: Defizite in der Schul- und Berufsausbildung (nicht zuletzt aufgrund beeinträchtigter kognitiver Fertigkeiten) sowie Reifungsprobleme bei der Entwicklung alterstypischer Entwicklungsaufgaben treten auf. Zwischen 50 und 90% aller cannabisabhängigen Personen erkranken während ihrer Lebensgeschichte an einer weiteren seelischen Störung: Neben psychotischen Störungen sind dies affektive Erkrankungen mit und ohne Suizidalität, Angst- und Persönlichkeitsstörungen. Besonders risikobehaftet ist die Tatsache, dass der Konsum von Cannabis häufig mit Alkohol- und/oder Tabakkonsum verbunden ist, was auch das Risiko für spezifische körperliche Erkrankungen erhöht. So erhöht sich z.B. das Risiko einer Leberzirrhose bei gleichzeitig bestehendem Konsum von Alkohol und Cannabis und es sind bei einem Cannabiskonsumenten oft auch tabakspezifische Folgeerkrankungen zu erwarten. In Abhängigkeit vom Konsumalter erhöht sich das Risiko an einer Schizophrenie zu erkranken deutlich. Das höchste Risiko trägt die Gruppe der Jugendlichen, die bereits vor dem 18. Lebensjahr einen chronischen Konsum betreibt. Die Fachliteratur beschreibt auch einen Zusammenhang von Cannabiskonsum und vermehrt manischen Symptomen.

Zusammenhänge bestehen aber auch zwischen primär anderen Erkrankungen und dem Konsum von Cannabis. Viele Betroffene lindern damit unerwünschte psychische oder körperliche Symptome. Berichtet wird dies für Patienten mit chronischen Schmerzen, posttraumatischen Belastungsstörungen und auch bei affektiven Störungen.

Die Behandlung von Cannabisstörungen ist eine erhebliche Herausforderung für die Gesundheits- und Versorgungssysteme. Die Nachfrage nach der Behandlung solcher Störungen steigt seit 10 Jahren ständig an. Dies gilt für das ambulante wie für das stationäre Hilfesystem. Aufgrund der aufgezeigten Komplexität zwischen Cannabiskonsum und weiteren psychischen Störungen stellen sich zum einen hohe Anforderungen an die Diagnostik möglicher seelischer Störungen. Diese bedarf fachärztlicher psychiatrischer/psychotherapeutischer Kompetenz. Zum anderen sind die Behandlungsansätze oft langwierig und erfordern die Kombination mehrerer Behandlungselemente: spezifische, die Abstinenzmotivation fördernde Programme sind mit Einzel- und Gruppentherapie, Entspannungsverfahren, Selbstsicherheitstraining, sozialem Training, Rückfallmanagement, Arbeits- und Beschäftigungstherapie, Unterrichtsprogrammen, sozialen Hilfen und freizeitpädagogischen Aktivitäten zu kombinieren.

Diagnostische und therapeutische Kompetenz zur Behandlung von Cannabisstörungen, und zwar sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich, wird in den Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie sowie für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirkskrankenhaus Bayreuth vorgehalten. Eine Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung kann über die Rufnummern der beiden Psychiatrischen Klinikambulanzen erfolgen: Telefon 0921/283-3203 (Jugendliche) und Telefon 0921/283-5600 (Erwachsene).

Aus den aufgezeigten Folgeschäden wie aus dem hohen Behandlungsbedarf resultiert aus ärztlicher Sicht die dringende Konsequenz, Angebot und Nachfrage von Cannabis zu reduzieren – auch oder gerade angesichts der laufenden Legalisierungsdebatte.

Prof. Dr. med. habil. Thomas W. Kallert
Leitender Ärztlicher Direktor der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken (GeBO)
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Facharzt für Neurologie Rehabilitationswesen,
Geriatrie, Forensische Psychiatrie

 

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