Die dünnen Beine stecken in hautengen Jeans, die Schulterknochen zeichnen sich deutlich unter dem weiten Pulli ab, die großen Augen fallen auf, in dem schmalen Gesicht. Während das Mädchen mit der Ärztin spricht, bewegen sich ihre Füße in rasantem Tempo permanent nervös auf und ab. Immer nur dreht sich hier alles nur ums Essen. Zunehmen soll sie, dabei ist sie doch schon so dick.

Denkt sie.

Wer an Magersucht leidet, der medizinische Begriff dafür ist Anorexia nervosa, nimmt sich selbst völlig anders wahr, als er tatsächlich ist. Fett statt dürr. Im Spiegel sieht ein Anorexie-Patient sein fettes Ich. Und nicht die Haut, die sich über Knochen spannt. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth wird daher nicht nur daran gearbeitet, dass die Jugendlichen auf ein Normalgewicht kommen. Sondern auch, dass sich ihr Selbstbild zum Positiven verändert. Oberärztin Carola Dänhardt erläutert, dass vor allem Mädchen von Anorexie betroffen sind. Häufig Mädchen, die sehr schlau und strebsam sind, so Carola Dänhardt. Treten in der Familie Konflikte auf, suchen diese Mädchen über das Essen Bestätigung. Sie nehmen ab, bekommen Komplimente für ihre tolle Figur. „Dann verselbstständigt sich das. Die Mädchen machen immer weiter, das Abnehmen ist wie ein Kick."

Abwärtsspirale

Magersüchtige beschäftigten sich meist intensiv mit den Themen Essen und Gewicht. Sie wiegen sich oft, kochen für andere - essen aber selbst meist nur kalorienarme, vermeintlich gesunde Speisen oder lassen Mahlzeiten komplett ausfallen. So magern sie immer weiter ab.

Das führt zu körperlichen Folgeschäden. Die Haare fallen aus. Bei Mädchen bleibt die Regelblutung aus oder setzt gar nicht erst ein. Langfristig können Mädchen unfruchtbar werden. Die Schilddrüse arbeitet nicht mehr richtig, der Kreislauf fährt herunter, der Grundumsatz des Körpers fällt ab. Durch das Untergewicht, das ein Anorexie-Patient hat, leidet auch der Verstand. Wer Untergewicht hat, sei nicht leistungsfähig. Carola Dänhardt wird drastisch: „Man kann an Anorexie sterben", macht sie deutlich. Deshalb sei es wichtig, Anorexie auch tatsächlich schnell zu behandeln. Und hier sei die Krux: Denn zum einen dauere es, bis die Familie oder der Arzt merkt, dass es sich um Anorexie handelt (wenn ein Mädchen wegen ausbleibender Regelblutung zum Frauenarzt gehe, wird den jungen Frauen häufig die Pille verschrieben, an Anorexie denke man zunächst oft gar nicht). Zum anderen kommt dazu, dass die Patienten natürlich nicht einsehen wollen, dass sie unter Anorexie leiden. So verstreicht viel Zeit.

Familien einbeziehen

Bei der Behandlung einer Anorexie ist es wichtig, auch die Familie der Patienten einzubeziehen. „Das ist eine Familienkrankheit, der Jugendliche ist lediglich der Symptom-Träger."  Die Schuld auf die Eltern zu schieben, sei aber zu kurz gedacht, sagt Carola Dänhardt. Es gebe immer mehr als nur eine Ursache. Psychische Störungen, Gewohnheiten innerhalb der Familie, biologische und gesellschaftliche Einflüsse können bei der Entstehung der Essstörung eine Rolle spielen.

Die Familie muss bei der Behandlung mitarbeiten. Die Essgewohnheiten der Familie rücken in den Blick. Aus der Überzeugung heraus, sich nur "gesund" ernähren zu wollen, wird in manchen Familien der Verzehr von Gemüse, Obst und Salat besonders positiv verstärkt und beispielsweise der von Fleisch, Wurst oder Butter abgelehnt oder vermieden – obwohl gerade im Kindes- und Jugendalter eine ausgewogene Ernährung mit einem ausreichend hohen Fett- und Proteinanteil für die gesunde Entwicklung notwendig ist. Dazu kommt: Wie steht eine Familie zu Figur, Gewicht, sportlicher Aktivität, Fitness und häufigem Diätverhalten? Das kann eine Rolle spielen bei der Entwicklung von eigenen Überzeugungen darüber, was als schön und attraktiv gilt.

Ziel der Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist es, dass die Patienten ein Normalgewicht erreichen und zu einem normalen Essverhalten zurück finden, erklärt Ärztin Carola Dänhardt.

Hintergrund:

Magersucht tritt meist im Alter von 15, 16 Jahren auf, Bulimie (Ess-Brech-Sucht) etwas später. Wenn Eltern merken, dass ihr Kind ohne erkennbaren Grund Gewicht verliert, beziehungsweise sich vermehrt mit Themen rund ums Essen beschäftigt, sich zurückzieht und nicht mehr an gemeinsamen Mahlzeiten teilnimmt, sollten sie Hilfe beim Kinder- oder Hausarzt suchen. Sind körperliche Ursachen für einen Gewichtsverlust ausgeschlossen worden, sollte zeitnah ein Termin bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vereinbart werden. Bei fortgeschrittener Erkrankung, körperlichen Komplikationen oder fehlender familiärer Unterstützung sollte eine Therapie stationär verlaufen.

Kontakt:

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
am Bezirkskrankenhaus Bayreuth
Carola Dänhardt
Telefon: 0921/2833201

Uli Sommerer

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