Wie beeinflusst eine Krebsdiagnose die Psyche eines Menschen?
Dr. med. Nedal Al-Khatib: Eine Krebsdiagnose kann Existenz- und Todesängste auslösen oder diese triggern. Es kommen sofort diese negativen Aspekte zum Vorschein, der Blick wird sehr eingeengt, fast zu einem Tunnelblick. Im ersten Moment sieht der Patient nichts anderes mehr. In solch einer Ausnahmesituation ist es eine Kunst, die Betroffenen an die Hand zu nehmen und trotzdem Zuversicht zu verbreiten. Denn eine Krebsdiagnose als solche, auch wenn sie einem Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen kann, bedeutet noch lange nicht das Ende. Auch dass sich daraus regelhaft eine behandlungsbedürftige psychische Störung, wie beispielweise eine Depression oder eine Angststörung, entwickelt, ist keinesfalls ausgemacht. Vielmehr weiß man aus der Forschung, dass eine Krebsdiagnose nicht unbedingt sofort oder mit der Zeit zu psychischen Problemen führt, sondern Stresshormone hochgefahren werden und eher ein „Überlebensprogramm“ angestoßen wird. Manchmal kann erst nach überstandener Krebserkrankung etwas Depressives entstehen, im Sinne einer Erschöpfungsdepression. In der Regel werden bei einer Diagnose auch Psychoonkologen einbezogen – die sind dafür ausgebildet, auf diese Ängste behutsam einzugehen und dafür zu sorgen, dass eben nicht alles in Frage gestellt wird und es eben nicht unbedingt zu einer psychischen Störung kommen muss.
Welche Rolle spielt der Verlust von Kontrolle über den eigenen Körper?
Al-Khatib: Dieser Aspekt ist tatsächlich nicht zu vernachlässigen. Menschen brauchen grundsätzlich das Gefühl, Kontrolle zumindest über die Dinge ausüben zu können, die sie selbst unmittelbar betreffen. Das gilt für den eigenen Körper, selbstverständlich für die Körperfunktionen, aber auch für andere Belange, wie zum Beispiel verschiedene Beziehungen, privat oder am Arbeitsplatz. Eine Krebsdiagnose wird oft als eine existentielle Gefährdung und Eingriff in die eigene Autonomie gesehen.
Kann Angst vor dem Tod langfristig psychische Spuren hinterlassen?
Al-Khatib: Obwohl es eine Binsenweisheit ist, dass mit dem Tag der Geburt natürlich auch klar ist, dass dieser Mensch, der gerade geboren wurde, eines Tages sterben wird, ist es in der Tat so, dass wir Menschen mit einer Angst vor dem Tod geboren werden. Es ist eine Lebensaufgabe, diese Angst hinter sich zu lassen. Menschen, die spirituell aufgeschlossen sind, haben es da oft leichter. Angst kann psychische Spuren hinterlassen und in manchen Fällen langfristig zu psychischen Störungen führen. Aber in der Regel ist es so, dass diese auch wieder aufgefangen werden können. Das ist nichts, was zwangsläufig chronifiziert.
Welche Rolle spielen Gefühle wie Wut, Schuld und Scham bei der Krankheitsverarbeitung?
Al-Khatib: Das ist eine sehr interessante Frage, weil man im ersten Moment gar nicht meinen könnte, dass diese Gefühle überhaupt eine Rolle spielen. Aber die Forschung zeigt, dass es tatsächlich so ist, dass sich diese Emotionen Bahn brechen, auch bei einer Krebserkrankung. Wenn wir uns in diesem Zusammenhang beispielsweise der Wut annähern, sind Fragen wie „Warum habe ich das gerade?“ „Habe ich nicht schon genug Leid erfahren?“ „Das Leben ist ungerecht! Womit habe ich das verdient?“ oder „Warum muss es mich gerade treffen?“ sehr typisch. Wut kann einerseits gegen die Erkrankung und die eigene Person und andererseits auch nach außen gerichtet sein. Schuld und Scham könnten sich in Fragen und Gedanken wie „Wahrscheinlich habe ich irgendwelche Dinge in meinem Leben getan und das ist der Grund, warum ich jetzt bestraft werde“ ausdrücken. Das ist eine Schuld, die ich damit begleiche.“ Schuld zeigt meistens auf die eigene Person. Wenn ich zum Beispiel an eine Lungenkrebserkrankung denke und ich habe vielleicht Menschen um mich herum, die mich viele Jahre immer wieder eindringlich vor dem Rauchen gewarnt haben, kommt nicht selten Scham auf. Scham stellt eine besondere Form der Angst dar, und zwar der Angst vor der schlechten Bewertung durch andere. Im psychotherapeutischen Kontext werden diese wichtigen Gefühle identifiziert und hinterfragt.
Wie verändert Krebs das Selbstbild und die Identität des Menschen?
Al-Khatib: Eine Krebsdiagnose führt oft zu Existenzängsten. Wenn ich ein bestimmtes Bild von mir selbst habe, zum Beispiel, dass ich selbstbewusst bin, anderen als Vorbild diene, einen Kompass in der Hand habe und weiß, in welchen Bahnen mein Leben verläuft, kann es schon sein, dass der Krebs dazu führt, dass Betroffene das Gefühl beschleicht, alles sei auf Sand gebaut. Die Identität eines Menschen verändert sich nicht so schnell. Sie ist tatsächlich sehr wichtig, weil mit der Identität auch die Resilienz verknüpft ist, also die Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Wenn es um psychische Störungen geht, zum Beispiel im Rahmen einer Krebsdiagnose, dann wird auf dieses Thema eingegangen.
Welche psychischen Folgen haben sichtbare körperliche Veränderungen?
Al-Khatib: Damit haben Betroffene oftmals sehr zu kämpfen. Wenn die Haare beispielsweise als Begleiterscheinung der Chemotherapie ausfallen, ist das mit Scham verbunden. Zum Glück wird inzwischen sehr auf solche Dinge geachtet und sie nicht als rein kosmetisches Problem gesehen. So machen in solchen Fällen die Kostenträger keine großen Probleme und finanzieren auch Perücken. Ähnlich verhält es sich mit Narben oder Amputationen. Ob psychische Folgen davongetragen werden, hat ganz viel damit zu tun, wie resilient ein Mensch schon im Vorfeld war. Wenn ich jemanden habe, der vor der Erkrankung zum Beispiel sehr sportlich war oder über andere Ressourcen verfügt, dann ist es oft so, dass dieser Mensch eine Krebserkrankung besser verarbeiten kann.
Welche Faktoren fördern Resilienz in dieser Situation?
Al-Khatib: In dieser Situation ist es eher schwierig, Resilienz aufzubauen. Eine Krebsdiagnose ist nicht per se geeignet, um daraus oder damit Resilienz zuweisende Faktoren zu fördern. In der Regel ist es so, dass Resilienzfaktoren im Menschen selbst schon angelegt sind. Die Kunst ist es, auf die Suche nach diesen Faktoren zu gehen, zum Beispiel über die Biografiearbeit und dabei hervorzuheben, dass bestimmte schwierige Situationen im Leben schon gemeistert wurden.
Wird die psychische Dimension von Krebs in unserer Gesellschaft unterschätzt? Al-Khatib: Vermutlich schon, weil eine Krebserkrankung ganz schnell mit dem Tod als schlimmste Konsequenz verknüpft wird. Der Tod stellt in unserer westlichen Gesellschaft bis heute ein Tabuthema dar, weshalb darüber verhältnismäßig wenig gesprochen wird. Nichtsdestotrotz gab es in den vergangenen Jahren immer wieder medial präsentierte Themen, insbesondere wenn Prominente, Schauspieler oder Sänger, mit eigenen Krebserkrankungen an die Öffentlichkeit gehen. Damit zeigen sie, dass es zwar grundsätzlich jeden treffen kann, es aber definitiv Möglichkeiten einer Behandlung gibt. Nicht unerwähnt möchte ich in diesem Zusammenhang verschiedene gemeinnützige Stiftungen, zum Beispiel die Burda-Stiftung, lassen, die sich insbesondere um die Krebsprävention verdient machen.
Gibt es aus Ihrer Sicht einen Zusammenhang zwischen der psychischen Resilienz, die ein Mensch hat, und einem körperlichen Therapieerfolg?
Al-Khatib: Ja, diesen Zusammenhang gibt es definitiv. Es ist in der Tat so, dass Resilienz einen Menschen aufbaut und positiv auf das wirkt, was im Englischen Mindset genannt wird, die innere Einstellung.

