News

Wenn Druck und Stress viral gehen

Digitale Medien und psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen – Eine Einordnung

Digitale Medien als prägender Lebensbereich

Digitale Medien sind ein zentraler Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Sie wachsen von frühester Kindheit an in einer digital geprägten Umwelt auf. Smartphones, Tablets, Computer und Online-Plattformen sind allgegenwärtig – im Alltag, in Bildungseinrichtungen und zunehmend auch im Kinderzimmer bis in die Nacht hinein.
Der Erstkontakt mit digitalen Medien erfolgt im Durchschnitt bereits im Alter von etwa 1,3 Jahren. Viele Kinder nutzen früh eigene Geräte, oft länger als empfohlen. Medien werden im Familienalltag häufig als Beruhigung, Beschäftigung oder Einschlafhilfe eingesetzt. Gleichzeitig fehlen in vielen Haushalten klare Regeln.
„Gerade im frühen Kindesalter ist das problematisch: Kinder benötigen vor allem direkte Zuwendung, Bewegung und freies Spiel“, sagt Dr. Kerstin Hessenmöller klar. Sie ist die Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Bezirkskrankenhaus Bayreuth und hat tagtäglich vor Augen, was digitale Medien mit der psychischen Gesundheit machen können. Studien zeigen zudem, dass intensives elterliches Medienverhalten mit mehr psychischen Auffälligkeiten bei Kindern zusammenhängt.
Mit zunehmendem Alter steigt die Nutzung stark an: Bereits im Grundschulalter nutzen viele Kinder regelmäßig digitale Angebote, etwa die Hälfte besitzt ein eigenes Smartphone. Mit Jahren sind es rund 95 Prozent. Soziale Netzwerke und Messenger werden zu zentralen Räumen für Kommunikation, Unterhaltung und Identitätsentwicklung.

Gezielte Mechanismen

Digitale Medien erfüllen wichtige Funktionen: Sie ermöglichen soziale Kontakte, Selbstausdruck und unterstützen Lernen. Besonders in der Jugendphase helfen sie bei der Orientierung und Identitätsbildung.
Gleichzeitig sind diese digitalen Räume nicht neutral. Plattformen sind kommerziell ausgerichtet und nutzen gezielt Mechanismen zur Bindung von Aufmerksamkeit, etwa personalisierte Inhalte, Likes oder endloses Scrollen. Diese Strukturen beeinflussen Nutzungsdauer, Wahrnehmung und Verhalten.

Nutzungszahlen und problematische Entwicklung

Jugendliche nutzen digitale Medien häufig mehr als drei bis vier Stunden täglich. Ein erheblicher Teil entwickelt problematische Nutzungsmuster: Etwa 21 bis 25 Prozent nutzen soziale Medien riskant, etwa sechs bis sieben Prozent zeigen suchtähnliches Verhalten. 
Typisch sind Kontrollverlust, Vernachlässigung von Schule oder Hobbys und eine ständige gedankliche Beschäftigung mit digitalen Medien.
Die Social-Media-Nutzungsstörung ist Teil der Internetnutzungsstörungen und tritt oft gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen wie ADHS, Angststörungen oder Depressionen auf.

Psychische und körperliche Auswirkungen

Eine intensive Mediennutzung steht in Zusammenhang mit:

Psychischen Belastungen:
- depressive Symptome und Ängste 
- Einsamkeit und geringeres Wohlbefinden 
- Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme 
- Selbstwertprobleme durch soziale Vergleiche 

Ein zentraler Faktor ist die ständige Bewertung durch Likes und Kommentare. Auch die dauerhafte Erreichbarkeit erzeugt Stress.

Körperlichen Folgen:
- Schlafstörungen und verkürzte Schlafdauer 
- verschobener Schlafrhythmus 
- Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen 
- Bewegungsmangel und Haltungsprobleme 

„Besonders relevant ist der Einfluss auf den Schlaf“, warnt Dr. Hessenmöller. Bildschirmnutzung am Abend ist mit Einschlafproblemen und verkürzter Gesamtschlafdauer verbunden. Schlafmangel wiederum verstärkt psychische Belastungen und Konzentrationsprobleme.

Neurobiologische und entwicklungspsychologische Aspekte

Frühe Kindheit ist eine besonders sensible Phase. Kinder sind auf direkte soziale Interaktion angewiesen, um grundlegende Fähigkeiten zu entwickeln.
Frühe und intensive Bildschirmnutzung kann soziale Lernprozesse beeinträchtigen, Aufmerksamkeit und Gedächtnis beeinflussen sowie die Entwicklung sozialer Fähigkeiten erschweren.
Ein Mangel an realen Interaktionen wird mit Entwicklungsauffälligkeiten in Verbindung gebracht. Digitale Medien stellen in dieser Phase keinen gleichwertigen Ersatz dar.

Suchtmechanismen und Plattformdesign

Die Soziale-Medien-Nutzungsstörung ist eine Erscheinungsform aus dem Spektrum der Internetnutzungsstörungen. Sie zeichnet sich durch eine unkontrollierte und exzessive Aktivität in meist mehreren sozialen Medien aus. 
Gleichzeitig geht sie mit negativen Auswirkungen auf andere Lebensbereiche ein her. Tendenziell sind Mädchen/Frauen häufiger betroffen. 

Digitale Plattformen sind gezielt so gestaltet, dass sie möglichst lange genutzt werden. Wichtige Mechanismen sind:
- Endlos-Scrolling 
- automatische Wiedergabe von Inhalten 
- algorithmische Personalisierung 
- Belohnungssysteme (Likes, Kommentare) 

Diese wirken auf das Belohnungssystem im Gehirn. Da Selbstkontrolle bei Kindern und Jugendlichen noch nicht vollständig entwickelt ist, sind sie besonders anfällig für diese Effekte.

Risiken durch Inhalte

Neben der Nutzungsdauer spielt die Art der Inhalte eine zentrale Rolle. Häufige Risiken sind:
- Cybermobbing: dauerhaft, öffentlich und besonders belastend 
- Cybergrooming: sexuelle Anbahnungsversuche durch Erwachsene 
- Altersunangemessene Inhalte: z. B. Gewalt oder Pornografie 
- Unrealistische Schönheitsideale: fördern Selbstzweifel 
- Desinformation und Deepfakes: schwer erkennbar 

Weitere Phänomene verstärken den Nutzungsdruck:
- Fear of Missing Out (Angst, etwas zu verpassen) 
- Nomophobie (Angst ohne Smartphone) 
- riskante Internet-Challenges 

Zunehmend relevant sind auch KI-Chatbots, zu denen parasoziale Beziehungen entstehen können. Diese bergen das Risiko emotionaler Abhängigkeit und können reale soziale Kontakte verdrängen.

Entwicklungsabhängige Verwundbarkeit

Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Alter:
- Kleinkinder: besonders gefährdet, da grundlegende Entwicklungsprozesse betroffen sind
- Schulkinder: erhöhte Ablenkbarkeit und Konzentrationsprobleme 
- Jugendliche: hohe Sensibilität für soziale Bewertung und Vergleich 

Digitale Medien verstärken zudem Gruppendruck und soziale Dynamiken.

Einfluss von Familie und sozialen Bedingungen

Die Auswirkungen digitaler Medien hängen stark vom Umfeld ab. Klare Regeln und Begleitung wirken schützend, unsichere Lebensbedingungen erhöhen Risiken. Kinder orientieren sich am Medienverhalten der Eltern. Gleichzeitig fühlen sich viele Eltern im Umgang mit digitalen Entwicklungen unsicher.

Einfluss der Pandemie

Die COVID-19-Pandemie hat die Mediennutzung deutlich erhöht. Digitale Medien wurden zentral für Schule und soziale Kontakte. Gleichzeitig nahmen Bewegungsmangel, Isolation und psychische Belastungen zu. Viele Nutzungsgewohnheiten bestehen weiterhin.

Zwischen notwendiger Nutzung und Schutzbedarf

Digitale Medien bieten wichtige Chancen für Bildung, Kommunikation und Teilhabe. Gleichzeitig zeigen Studien, dass viele Kinder und Jugendliche von Risiken betroffen sind.

Diese sind häufig strukturell bedingt – durch Plattformdesign, Algorithmen und wirtschaftliche Interessen. Ein verantwortungsvoller Umgang erfordert daher: Medienkompetenz, aktive Begleitung durch die Eltern sowie klare gesellschaftliche Rahmenbedingungen. 

Ziel ist eine Nutzung, die Entwicklung unterstützt statt gefährdet.

 

Checkliste für Eltern: 
Gesunder Umgang mit digitalen Medien

0–3 Jahre: keine Bildschirmmedien
4–5 Jahre: max. 30 Minuten täglich, nur gemeinsam
6–18 Jahre: klare Altersgrenzen und Jugendschutz, eingeschränkte Nutzung sozialer Medien vor 16 Jahren, Nutzung in der Schule primär zu Lernzwecken, Förderung von Selbstregulation und Medienkompetenz 

Klare Regeln:
- feste Medienzeiten 
- bildschirmfreie Zeiten (z. B. Essen) 
- keine Nutzung vor dem Schlafen 
- keine Geräte im Kinderzimmer nachts 

Begleitung:
- gemeinsam nutzen 
- Inhalte besprechen 
- Interesse zeigen 

Warnsignale:
- Reizbarkeit, Rückzug 
- Schlafprobleme 
- Leistungsabfall 

Medienkompetenz:
- Fake News und Werbung erklären 
-Datenschutz und Risiken besprechen 

Vorbild & Alternativen:
- eigenes Verhalten reflektieren 
- Bewegung, Kreativität und soziale Kontakte fördern 

Schutz & Kommunikation:
- Jugendschutz nutzen 
- regelmäßig im Gespräch bleiben 

Ziel

Ein bewusster, sicherer und ausgewogener Umgang mit digitalen Medien, der die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen stärkt.

 

Quellen:

„Nutzung digitaler Medien und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ (Stellungnahme der Wissenschaftlichen Fachgesellschaft und Verbände der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie)

 

Kontakt:

Bezirkskrankenhaus Bayreuth
Nordring 2
96445 Bayreuth 
Telefon 0921 283-0
www.gebo-med.de

Hilfe finden:

https://www.gebo-med.de/unternehmen/kooperationen

Selbsthilfebeauftragte Susanne Freund 

Telefon: 0921-283 2090 (Dienstag bis Freitag)