Was versteht man unter Sprachtherapie?
Dr. Theresa Strätz: Sprachtherapie hilft Menschen dabei, ihre Sprache, Kommunikation, Stimme und Schlucken zu verbessern. In der Psychiatrie unterstützt sie Betroffene u.a. dabei, Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse besser auszudrücken und wieder leichter mit anderen in Kontakt zu kommen.
Was macht Ihre Arbeit in einer psychiatrischen Klinik besonders?
Die Sprachtherapie beschäftigt sich hier nicht nur mit Sprache, sondern auch mit den Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf Kommunikation, Stimme und Schlucken. Die Arbeit ist außerdem eingebettet in ein multiprofessionelles Team mit Psychotherapeuten, Psychologen, Ärzten, Pflegekräften und weiteren Spezialtherapien, wie z.B. Ergo- oder Musiktherapie.
Mit welchen Kommunikations- oder Sprachproblemen begegnen Ihnen Patientinnen und Patienten am häufigsten?
Bei Kindern treten häufig Schwierigkeiten beim Ausdrücken von Gefühlen und Bedürfnissen auf sowie beim Erzählen, beim Erkennen von Emotionen sowie in der nonverbalen Kommunikation. Viele Kinder haben außerdem Probleme, ihr Verhalten flexibel an unterschiedliche Gesprächspartner anzupassen und sich in andere hineinzuversetzen.
Viele erwachsene Patientinnen und Patienten haben Schwierigkeiten, ihre Gedanken und Gefühle verständlich auszudrücken oder Gespräche aufrechtzuerhalten. Häufig treten Probleme in der Pragmatik (soziale Kommunikation), Wortfindung, Prosodie, Stimme oder auch Schluckstörungen auf – teilweise als Folge der Erkrankung selbst, teilweise durch Medikamente. Bei Depressionen wirken Betroffene oft sehr leise und sprachlich verlangsamt, während bei Schizophrenie häufig desorganisierte Sprache auffällt.
Welche psychischen Erkrankungen wirken sich besonders auf Sprache und Kommunikation aus?
Besonders häufig beeinflussen Depressionen, Schizophrenie, Angststörungen, Autismus-Spektrum-Störungen und Demenzen die Kommunikation.
Wie unterstützt Sprachtherapie den therapeutischen Gesamtprozess?
Sprachtherapie schafft oft einen niedrigschwelligen Einstieg in die Behandlung. Viele Patientinnen und Patienten finden zunächst über Stimme, Atmung, Körpersprache oder Wortfindung wieder Zugang zu sich selbst. Dadurch kann es ihnen später leichter fallen, in der Psychotherapie über Gefühle und belastende Erlebnisse zu sprechen.
Sprachtherapie verbessert also die Kommunikationsfähigkeit und erleichtert dadurch den Zugang zu anderen Therapieformen wie der Psychotherapie.
Wie arbeiten Sie mit anderen Berufsgruppen im Behandlungsteam zusammen?
Möglichkeiten zur Abstimmung von Therapiezielen und Diagnosen bieten z.B. Visiten und Fallbesprechungen, um die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen. Wir dokumentieren außerdem den Therapieverlauf, der für alle beteiligten Berufsgruppen einsehbar ist. Wichtig ist außerdem das Sichten von Vorbefunden und die Weitergabe relevanter Informationen an Nachbehandler.
Welche Aufgabe in Ihrer täglichen Arbeit kostet Sie Überwindung?
Eine Herausforderung, die mich in meiner Arbeit manchmal Überwindung kostet, ist der Umgang mit Menschen unter hoher Anspannung, da es viel Ruhe, Geduld und ein bewusst deeskalierendes Vorgehen erfordert.
Eine weitere Herausforderung kann sein, die eigene fachliche Rolle im Behandlungsteam klar abzugrenzen. Man nimmt oft viele psychische Belastungen wahr, muss aber wissen, wo die eigene sprachtherapeutische Aufgabe endet und wann andere Berufsgruppen übernehmen. Gleichzeitig braucht es Selbstbewusstsein, um die eigene Expertise im Behandlungsteam sichtbar zu machen.
Was war der bisher schönste Aha-Moment mit einem Patienten?
Besonders schön ist es, wenn Patientinnen und Patienten merken, dass sie sich wieder ausdrücken können und sich ernst genommen fühlen. Eine Patientin sagte nach der Therapie, dass sie sich durch die Arbeit mit Stimme, Atmung und Körper endlich wieder als „ganz" erlebt habe und ihr das auch in der Psychotherapie sehr geholfen habe. Viele Betroffene erkennen erst durch die Sprachtherapie, wie eng Kommunikation, Gefühle und psychisches Wohlbefinden miteinander zusammenhängen.
Was würden Sie Menschen sagen, die Angst vor der Psychiatrie haben?
Oft beginnt die Therapie mit kleinen, sicheren Schritten. In der Sprachtherapie geht es zunächst beispielsweise um Stimme, Atmung oder Kommunikation – also darum, wieder Vertrauen in sich selbst und den eigenen Ausdruck zu gewinnen. Niemand wird zu etwas gedrängt, sondern dort abgeholt, wo er gerade steht. Ziel ist immer, Menschen zu unterstützen.
Welche Fähigkeiten sind für Sprachtherapeutinnen und Sprachtherapeuten in der Psychiatrie besonders wichtig?
Wichtig sind Empathie, eine gute Beobachtungsgabe und Offenheit für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Außerdem sollte man über den eigenen fachlichen Tellerrand hinausschauen, verschiedene sprachtherapeutische Methoden flexibel kombinieren und gleichzeitig die eigenen fachlichen Grenzen kennen.
Was lernt man hier, was man in keinem Schul-/Lehrbuch findet?
Man lernt, wie eng Sprache, Körper, Gefühle und Beziehungen miteinander verbunden sind. Außerdem entwickelt man ein Gespür dafür, wann Sprache Menschen stabilisieren kann und wie wichtig echte Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen für den Therapieerfolg ist – Erfahrungen, die man vor allem in der praktischen Arbeit sammelt.
Was sich mit der Zeit entwickelt ist Hintergrundwissen zu verschiedenen psychiatrischen Diagnosen zu erwerben, das wording anderer Fachdisziplinen zu verstehen und die eigene Perspektive in das Gesamtbild einzuordnen. Die aktuelle Forschung zeigt, dass die Rolle der Sprachtherapie in der Psychiatrie noch unterschätzt wird und sich das Fachgebiet weiterentwickelt.
Dr. Theresa Strätz studierte Psycholinguistik und Klinische Linguistik. Sie promovierte zum Empathie-Ausdruck von Kindern und forscht am Bezirkskrankenhaus Bayreuth zur Kommunikation von Jugendlichen in sozialer Interaktion. Sie gehört zu den wenigen Expertinnen in Deutschland, die (teil-) stationäre Sprachtherapie für Menschen mit psychiatrischem Krankheitsbild anbieten. Neben der sprachtherapeutischen Arbeit ist sie Dozentin am Medizincampus Oberfranken, wo sie Jungmedizinerinnen und -medizinern zum Behandlungsspektrum der Sprachtherapie weiterbildet.

