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Die vierte Säule der Gesundheit: Warum Selbsthilfe unverzichtbar ist

Eine Herzensangelegenheit – das ist es, was die Selbsthilfe-Arbeit am Bezirkskrankenhaus Bayreuth für Susanne Freund ist. Denn dass es dort so viele Gruppen, Treffs und Hilfsangebote für Patienten und Angehörige gibt, ist ihr zu verdanken. Warum Psychiatrie ohne Selbsthilfeangebote kaum denkbar wäre, erzählt die Selbsthilfebeauftragte im Interview.

 

Welche Rolle spielen Selbsthilfegruppen heute in der psychiatrischen Versorgung?
Susanne Freund: Eine immer wichtigere. Zunächst: Selbsthilfe ist nie ein Therapieersatz. Aber wie kann Selbsthilfe überhaupt ein Ersatz sein, wenn es nahezu KEINE freien und zeitnah verfügbaren Therapieplätze mehr gibt. Wartezeiten von bis zu einem Jahr und länger ist die Realität für sehr viele Menschen geworden. Somit ist eine Selbsthilfegruppe – neben Familie, Freunden, Kollegen oder Nachbarn – aktuell die einzige Möglichkeit, sich verstanden und gehört zu fühlen. 

Wie beurteilen Sie die Akzeptanz von Menschen mit psychischen Erkrankungen? 
Susanne Freund: Ich beobachte einen Rückwärtstrend: Hat man vor ein paar Jahren noch versucht, Angehörige durch Psychoedukation aufzuklären und somit mehr Verständnis für den Betroffenen zu erreichen, so stoßen wir aktuell wieder zunehmend auf Blockaden gegenüber den Betroffenen. Das Leben und unsere drastische Entwicklung in der Gesellschaft verlangt vielen Menschen im gesunden Zustand schon zunehmend mehr ab. Wie können sie dann das Verständnis aufbringen, welches erforderlich wäre, um die Situation rund um die Krankheit besser zu verstehen und den Menschen als solchen anzunehmen, ohne stets die Symptome im Fokus zu haben?

Welche Veränderungen sehen Sie bei der Nachfrage nach Selbsthilfeangeboten in den letzten Jahren? 
Susanne Freund: Vor etwa zwei Jahren dauerte es oft ein Jahr, bis sich eine Selbsthilfegruppe gegründet und in ihrer Teilnehmerzahl stabil funktioniert hat. Jetzt gründen wir Gruppen, die bereits zu Beginn Aufnahmestopp melden müssen. Auch der Schwerpunkt innerhalb einer Gruppe hat sich verändert. Waren es vor zwei Jahren beispielsweise noch reine Depressionsgruppen, so sind jetzt viele Gruppen für weitere Krankheitsbilder offen, da es zunehmend mehr Mischdiagnosen gibt.

Viele Betroffene warten lange auf ambulante Therapie- oder Facharzttermine. Welche Funktion können Selbsthilfegruppen in dieser Zeit übernehmen? 
Susanne Freund: Wenn sich jemand nach seinem stationären Aufenthalt dazu entscheidet, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, ist diese Gruppe oft der Anker. Durch den dortigen Austausch und gegenseitigen Halt verhindert man oft, dass der Betroffene wieder in eine Krise gerät. Unterstützung und Verständnis in unseren Gruppen finden auch diejenigen, die monatelang auf einen Therapieplatz warten. 

Was können Selbsthilfegruppen leisten, was professionelle Behandlungsangebote oft nicht schaffen?
Susanne Freund: Hier zitiere ich gern unseren leitenden ärztlichen Direktor Prof. Dr. Thomas Kallert: „Es ist eben nicht der medizinische Rahmen. Es ist nicht der Behandlungsrahmen, sondern es sind das Sich-begegnen, das Angenommen-Wissen und der Austausch auf Augenhöhe. Das ist eine ganz andere Ebene. Die stellen Sie im Professionellen nicht so einfach her.“ 

Welche Rückmeldungen erhalten Sie von Teilnehmenden über die Wirkung der Gruppen auf ihren Alltag und ihre Genesung? 
Susanne Freund: Die meisten schätzen die vielen wertvollen Tipps und Informationen über die Möglichkeiten einer Behandlung, für den Umgang mit der Erkrankung und für Strategien, wenn es mal wieder zu kippen droht. Auch die gemeinsamen Unternehmungen, um so immer mal wieder der Einsamkeit zu entkommen.

Gibt es bestimmte Krankheitsbilder oder Lebenssituationen, bei denen Selbsthilfegruppen besonders hilfreich sind? 
Susanne Freund: Eigentlich alle Erkrankungen, mit denen soziale Abnabelung oder gar Sozialphobie einhergeht. Hier brauchen die Betroffenen unbedingt einen geschützten Rahmen, der ihnen die Sicherheit gibt, nicht bewertet zu werden. Andere Menschen so nehmen zu lernen wie sie eben sind, kann auch oft dabei helfen, sich selbst besser anzunehmen und mehr Stabilität zu bekommen.

Wie wichtig ist der Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben? 
Susanne Freund: Der Austausch ist ein enorm wichtiger Punkt, um sich selbst nicht mehr ganz so schlecht fühlen zu müssen. Weil man spürt, dass man nicht allein ist mit der Erkrankung. Dadurch, dass alle Teilnehmer an unterschiedlichen Stationen in ihrem Genesungsprozess sind, können Sätze wie: „Wo du momentan stehst, war ich auch vor einem Jahr. Jetzt geht es mir so viel besser“, sehr unterstützend sein.

Welche Vorurteile oder Berührungsängste begegnen Ihnen, wenn Menschen zum ersten Mal über den Besuch einer Selbsthilfegruppe nachdenken? 
Susanne Freund: Es ist meist die Angst, dass man von jemandem in der Gruppe erkannt wird, oder dass man mit seiner Geschichte nicht betroffen genug ist. Beide Punkte relativieren sich oft schon nach wenigen Minuten.

Und warum lohnt es sich dennoch, den Schritt in eine SHG zu wagen?
Susanne Freund: Man kann nur gewinnen und es gibt keinerlei Risiko, da Selbsthilfe keine Verpflichtung ist. Man kann einfach mal reinschnuppern, ohne überhaupt etwas erzählen zu müssen. Viele interessierte Betroffene und Angehörige kommen erst einmal nur ein paar Mal dazu, um einfach nur zuzuhören. Das ist völlig okay und darf so sein. 

Wie arbeiten Selbsthilfegruppen und psychiatrische Einrichtungen idealerweise zusammen? 
Susanne Freund: Am effektivsten ist es immer, wenn man in der Klinik eine Stelle schafft, welche beide Parteien miteinander vernetzt. Selbsthilfe muss bekannt gemacht werden. Ohne Aufklärung bleiben viele Psychologen, Sozialpädagogen und auch Ärzte skeptisch. Je offener man mit der Thematik Selbsthilfe innerhalb der Klinik umgeht, desto erfolgreicher arbeiten beide Parteien einander zu.

Was wünschen Sie sich von Politik und Gesundheitswesen, um die Selbsthilfearbeit besser zu unterstützen? 
Susanne Freund: Ein heikles Thema. Gerade jetzt in Zeiten von immer mehr Kürzungen im Gesundheitswesen, habe ich das Gefühl, dass die Politik nicht wirklich sieht, was da gerade in unserer Gesellschaft passiert. Es benötigt viel mehr Prävention und Transparenz, sowie Akzeptanz für Menschen, die versuchen, sich eigenständig aus ihrer Krise zu befreien oder ihre Erkrankung zu verbessern. 

Gibt es eine Begegnung oder Geschichte aus Ihrer Arbeit, die Ihnen besonders gezeigt hat, welche Kraft in Selbsthilfe- und Angehörigenarbeit steckt?
Susanne Freund: Die Geschichte unserer immer größer werdenden Selbsthilfefamilie hier am Bezirkskrankenhaus, zusammen mit unserem Kooperationspartner, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband/Selbsthilfekontaktstelle, zeigt mir jeden Tag aufs Neue, wie stark Selbsthilfe wirken kann. Und ich wünsche mir sehr, dass dies so bleiben und weiterhin wachsen darf. Besonders berührende und sehr tiefgründige Momente erlebe ich in meiner Arbeit als Ansprechpartnerin für Angehörige – wenn ich von Eltern die Rückmeldung bekomme, dass es dem Kind wieder bessergeht und sie einen Weg zueinander gefunden haben, welcher die Gesundung maßgeblich unterstützt. 

Kontakt
Susanne Freund
Selbsthilfebeauftragte am Bezirkskrankenhaus Bayreuth

Telefon 0921 283 - 9884
Mail susanne.freund@gebo-med.de