Das Herz als Seismograph der Psyche
Dr. Michael Purucker ist der Leitende Oberarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin.
Herzerkrankungen sind nicht nur als körperliche Erkrankung zu sehen, denn sie haben oft auch psychosomatische Aspekte. Starke Schmerzen in der Brust, Luftnot, kalter Schweiß, körperliche Schwäche – wer hier an Anzeichen eines Herzinfarkts denkt, liegt vermutlich richtig. Also: Schmerzen in der Brust, Kurzatmigkeit – wenn das auftritt, sollte natürlich sorgfältig untersucht werden, ob eine Herzerkrankung oder gar ein Herzinfarkt vorliegt.
Ein Herzinfarkt muss schnellstmöglich behandelt werden. Aber Druckgefühl oder Schmerzen in der Brust, Kurzatmigkeit – das kann auch mit der Psyche zu tun haben, erklärt Dr. med. Michael Purucker, Leiter der Fachabteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth. In seiner internistischen Zeit hat er viele Patienten und Patientinnen mit körperlichen Herzerkrankungen und als Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin im Bezirkskrankenhaus Bayreuth viele Patienten und Patientinnen mit
psychosomatischen Herzbeschwerden kennengelernt.
„Auch bei einem Herzinfarkt kann die Psyche eine Rolle spielen“, sagt Dr. Purucker. 20 Prozent der Menschen mit einem akuten Infarkt berichten über emotionale Trigger, die
dem Infarkt vorausgingen. Moderne Studien weisen darauf hin, dass starke Emotionen eine relevante Teilursache des Infarktes oder der akuten (zum Glück seltenen) Stresskardiomyopathie sein können. Die psychosomatische Forschung zeigt auch, dass anhaltende emotionale und verschiedene psychosoziale Belastungen das Risiko für einen Infarkt um das 1,5-fache erhöhen und somit zusätzlich zu den körperlichen Faktoren wie Bluthochdruck, Blutfette oder Arteriosklerose für die Vorsorge und Rehabilitation
wichtig sind.
Was Stress im Körper auslöst
Anhaltender Dauerstress kann dazu führen, dass der Blutdruck dauerhaft erhöht bleibt, Entzündungsprozesse im Körper zunehmen und sich die Blutgefäße dadurch arteriosklerotisch
verändern. Zusätzlich kann akuter emotionaler Stress die Durchblutung und damit die Sauerstoffversorgung des Herzens beeinträchtigen – so wird zum Beispiel durch erheblichen Stress das Gerinnungssystem gestört; die Folgen können akute Gefäßverschlüsse sein. Eine wichtige Rolle spielt dabei das vegetative Nervensystem. Es steuert viele Körperfunktionen, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken – zum Beispiel Herzschlag, Blutdruck oder Atmung. Das Sympathikussystem aktiviert den Körper in elastungssituationen und wirkt unter anderem auch auf das Gerinnungssystem.
Sein Gegenspieler, das parasympathische System, sorgt für Erholung und Regeneration. Gerät dieses Gleichgewicht durch anhaltenden Stress oder psychische Erkrankungen aus der Balance, kann das Herz dauerhaft stärker belastet werden. „Bei Menschen, die eine Herz-Rhythmusstörung haben, wurde gezeigt, dass sich der Herzschlag beschleunigt, wenn sie sich ärgern oder wütend werden.“
Die Psyche, so Dr. Purucker, sei häufig ein Teil des Ursachengeflechts von Herzerkrankungen. Die Psyche allein verursacht in den meisten Fällen zwar keine Herzerkrankung. Sie kann
jedoch ein wichtiger Risikofaktor sein und bestehende Erkrankungen verschlechtern. Besonders wenn psychische Belastungen mit weiteren Risikofaktoren wie Arteriosklerose, Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen oder Bewegungsmangel zusammentreffen, steigt das Erkrankungsrisiko deutlich. Manchmal ist es auch ein Problem, dass Männer oder Frauen,
die kein gutes Gefühl für ihren Körper haben und ihre Symptome nicht ernstnehmen, nicht rechtzeitig ärztliche Hilfe suchen – vor allem wenn sie durch beruflichen oder anderen
Stress überfordert sind.
Ein Risikofaktor unter mehreren Besonders gut untersucht ist der Zusammenhang zwischen Depressionen und Herzerkrankungen. Menschen mit einer Depression haben
ein erhöhtes Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Gleichzeitig treten nach einem Herzinfarkt oder einer Herzoperation häufig depressive Symptome auf. Das hat
verschiedene Ursachen. Depressionen beeinflussen biologische Prozesse wie Entzündungsreaktionen und die Regulation des vegetativen Nervensystems. Hinzu kommt, dass Betroffene oft weniger körperlich aktiv sind, Medikamente unregelmäßig einnehmen oder Schwierigkeiten haben, einen gesunden Lebensstil aufrechtzuerhalten.
Die Lebensgeschichte mitdenken
Deshalb gehört heute in vielen Herzkliniken auch die psychologische oder psychosomatische Betreuung zur Behandlung. Es gelte also, genau hinzuschauen, mit welcher Biografie und welchen Belastungen der Patient oder die Patientin behaftet sei. Das Herz-Kreislauf-System ist (wie der Organismus) durch negative Bindungserfahrungen in der Kindheit, chronische
Konflikte in der Familie oder Partnerschaft, soziale Isolation, Erschöpfung, berufliche Belastung oder, wenn gute Beziehungen am Arbeitsplatz fehlen, anhaltenden
Belastungen ausgesetzt. Menschen, die überwiegend negative Empfindungen haben und sich darüber nicht mitteilen können, sind ebenfalls anfälliger für koronare Herzerkrankungen.
Solche psychosozialen Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit für einen Infarkt um das 1,5-fache.Umgekehrt kann auch eine tatsächlich bestehende Herzerkrankung
Ängste auslösen – beispielsweise die Sorge vor einem weiteren Herzinfarkt oder vor körperlicher Belastung.
Was man auf jeden Fall für sein Herz tun kann, ist, gesund zu leben. Also nicht rauchen, mediterrane Kost, auf das Gewicht achten, den Blutdruck im Blick behalten, Sport treiben und nur wenig Alkohol trinken. Nicht vergessen sollte man aber auch Entspannung für Psyche und Körper. Stress reduzieren, achtsam leben. „Es geht nicht nur darum, nicht zu rauchen, es geht auch um einen besseren Umgang mit Emotionen, wenn man sein Herz schützen will“, sagt Dr. Purucker. Vor allem in der Reha-Medizin nach einem Infarkt sollte der Patient oder die Patientin also auch psychisch betreut werden, unter Umständen auch mit antidepressiven Medikamenten.
Man müsse Belastungen reduzieren, nicht dauerhaft über Leistungsgrenzen gehen, Stress wahrnehmen und sensibel mit sich und den Belastungen umgehen. Entspannungsübungen
seien eine gute Möglichkeit, seinem Herzen etwas Gutes zu tun. Es ist wichtig, diese bewusst mit in den Alltag zu nehmen, sich Momente zu suchen, in denen man etwas zur Ruhe kommt und den Stresslevel reduziert. Also: wer sowohl auf seine körperliche als auch auf seine psychische Gesundheit achtet, schafft die besten Voraussetzungen für ein gesundes Herz. Denn Herzgesundheit beginnt nicht nur mit gesunder Ernährung und Bewegung, sie beginnt auch mit einem achtsamen Umgang mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Belastungen.
Was dem Herzen guttut
Werden keine erklärenden medizinischen Befunde festgestellt, gilt es, die Psyche in den Blick zu nehmen. Beispielhaft nennt Dr. Purucker Panikattacken, die häufig mit Herzrasen,
Luftnot oder einem Engegefühl in der Brust einhergehen. Starke Angst, vor allem Panik, aktiviert den Sympathikus und kann sich dadurch unmittelbar körperlich auswirken.
Herzklopfen, Herzrasen, Brustenge oder Atemnot gehören zu den typischen Symptomen einer Angst- oder Panikreaktion. Diese Beschwerden fühlen sich oft so bedrohlich an,
dass sie mit einem Herzinfarkt verwechselt werden. „Wer eine Panikattacke erleidet, denkt oft, er stirbt daran.“ Manche Patienten rufen dann über Monate wiederholt den Notarzt –
und es dauert oft sehr lange, bis eine psychosomatische Diagnostik beginnt.
Wenn Angst wie ein Herzinfarkt wirkt
Für die Behandlung der Panikstörung ist, wie bei allen psychosomatischen Erkrankung, eine eingehende psychotherapeutische Gesprächsführung, gegebenenfalls auch eine ambulante
oder stationäre Psychotherapie zu empfehlen, um die Symptome zu bewältigen. Chronische Angst kann zudem auch viele andere psychosomatische Reaktionen wie zum Beispiel Schlafstörungen, Schwindel oder Kloßgefühl verursachen.
Es hilft, die oft unbewussten psychischen (möglicherweise auch traumatisierenden) Belastungen zu besprechen und dadurch den Verlauf der oft hartnäckigen Ängste und psychosomatischen Symptome zu beeinflussen.
Antidepressive Medikamente können sehr hilfreich sein, lösen aber meist die zu Grunde liegenden Problem nicht. Eine rechtzeitige psychosomatische und psychotherapeutische Behandlung ist nicht für die Betroffenen, sondern auch aus gesundheitsökonomischen Gründen wichtig, denn unbehandelte Angsterkrankungen führen zu hohen Gesundheitskosten.

