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Alkoholismus: Franz K. und sein langer und mühsamer Weg heraus aus der Sucht

„Es gibt einfach keinen Grund, Alkohol zu trinken,“ sagt Franz K. (Name geändert) heute. „Das ist das Weichspülen von Konflikten“, sagt Markus Salinger. Heute kämpfen die beiden gemeinsam. Der eine in den Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker (AA), der andere als Arzt und Suchtexperte im Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Gabi Schnetter, Redakteurin beim Nordbayerischen Kurier, hat die Geschichte aufgeschrieben.

Franz K. hatte alles im Leben erreicht, was man nur erreichen kann. „Ich hatte viel Geld zur Verfügung.“ Er war erfolgreich im Beruf, glücklich in seiner Beziehung. Es gab ein Haus am Gardasee, ein Boot. Aber zufrieden war er nicht. Immer mehr wollte er erreichen. „Ich war ein Machtmensch,“ erinnert er sich heute, „wollte alles kontrollieren.“ Aus dieser Überheblichkeit und falschen Selbsteinschätzung heraus kam es dann zum Absturz. „Die Rechnung ging einfach nicht auf. Aus dem Trinken wurde Saufen und dann Sucht.“

Franz K. hat alles verloren, was für ihn im Leben wichtig war. Sein gesamtes Hab und Gut, aber auch alle Beziehungen. Und noch viel mehr. Franz K. hat unzählige Entziehungskuren hinter sich, musste den Tod einer Freundin verkraften, die – ebenso wie er – dem Alkoholismus verfallen war und vor seinen Augen verblutete. Unzählige Male rappelte er sich wieder hoch und stürzte wieder ab.

"Fühle mich nicht mehr getrieben"

Bis er die Sucht endgültig überwunden hatte. „Ich bin heute zufriedener als jemals zuvor,“ sagt er über sich. „Ich fühle mich nicht mehr durchs Leben getrieben.“ Seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit kleinen Anstellungen, und ist unendlich dankbar dafür. Anfang 2018 stand er wieder ganz am Anfang, musste Berge von Rechnungen, Mahnbescheiden, Forderungen auf die Reihe bekommen. „Anfangs ein schier unmögliches Unterfangen, aber mein Wille, mein Verstand und auch die Hilfe vieler, auch die Unterstützung durch die Kurier-Stiftung, gaben mir die Zuversicht, ich werde es schaffen.“

Heute bestimmen Strukturen den Tagesablauf von Franz K. und die Besuche der Gruppenabende der Anonymen Alkoholiker. Nun sitzt er selbst in vielen Gremien und hilft Menschen, deren Schicksal ähnlich seinem ist. Diese Gruppe ist unendlich wichtig für ihn. Sie ist so etwas wie die Back-up-Sicherung. „So kann ich mich vor einem Rückfall schützen,“ sagt er.

Und Salinger bestätigt das. Selbsthilfegruppen seien immens wichtig, sagt der Suchtexperte, der im Bayreuther Bezirkskrankenhaus tagaus, tagein mit solchen Schicksalen konfrontiert wird, mit dem Ausweichen der Menschen vor zu viel beruflichem oder privatem Druck, mit der Verarbeitung von Schicksalsschlägen.

„Drogen helfen, sie bringen sofort ein zufriedenes, glückliches Gefühl.“ Alkohol ist nur eine von vielen Drogen. Aber eine gesellschaftlich anerkannte. „Viele Alkoholiker sind nach dem Entzug so lange abstinent, so lange sie in Selbsthilfegruppen gehen,“ erklärt er. Sie halten den Betroffenen den Spiegel vor und die Erkenntnis frisch. Hinzukommen müsse der Wille des Menschen und die täglich neue Entscheidung, das zu wollen. „Dann greift ein Lernprozess.“

Rund 1,8 Millionen Männer und Frauen in Deutschland sind alkoholabhängig. Auch Belastungssituationen in der Corona-Pandemie haben viele Menschen verstärkt zum Alkohol greifen lassen, schätzt Salinger. „Das Problem ist, dass sich das verfestigen kann, weil ein Mensch an der Stelle für sich das Gefühl entwickelt, und das wird dann auch im Gehirn abgelegt, das ist eine Lösung. Damit fühle ich mich besser.“ Das funktioniert über den Botenstoff Dopamin. „So kann ich mich in eine Stimmung bringen, die mich zufriedener und glücklicher macht. Wenn ich das regelmäßig tue, ist es nicht nur eine Gewohnheit, sondern eine Form von beginnender Abhängigkeit.“ So erklärt Salinger den Prozess, den viele Menschen durchlaufen. „Es ist meist ganz banal. Man geht nach Hause, möchte sich entspannen, hat Spaß daran, ein Glas Rotwein zu trinken, in dieser Situation kann man – das gilt nicht für alle Menschen – in eine Abhängigkeit geraten.“

Kritisch fange es erst an zu werden, wenn man sich tagsüber bereits Gedanken macht, ob man denn Rotwein zuhause habe. „Das muss noch in keiner Abhängigkeit enden, aber ab da wird es interessant,“ erklärt Salinger. „Wir reden erst durchaus von Alkoholgenuss, dann von Missbrauch, und dann von Abhängigkeit. Und diese Strecke hat einen Weg, denn es kommt zu Steigerungen. Und die sehen so aus: Zunächst hat es mit einem halben Glas Rotwein gut funktioniert, und dann kommt man in eine Phase, wo man sagt, ich würde auch ein zweites Glas nehmen. An der Stelle kann es dann schwierig werden, weil Sie die Dosis anpassen. Und wenn Sie das Gefühl, das sie vorher gespürt haben, wie Lockerheit, Beschwingtheit, nicht mehr spüren, und dieses Gefühl aber gerne weiter hätten.“

Alkohol ist ein Nervengift

Die neuere Forschung sage nicht umsonst, Alkohol ist ein Nervengift. „Letztendlich wird empfohlen, dass jedes Glas Alkohol zu viel ist.“ Salinger: „Das sind klare Erkenntnisse, und damit tun wir uns alle schwer. Ich muss eine Entscheidung treffen. Und die heißt: Wie entspanne ich mich heute Abend ohne Alkohol. Das ist nicht immer ganz leicht. Denn den bequemen Weg, den man schon gegangen ist, benutzt man gerne weiter. Wir sind alle Menschen mit Schwächen und Stärken.“

Viele werden rückfällig. Salinger: „Rückfall hat immer eine Ursache. In der Klinik sind die Patienten erst einmal oberflächlich unterwegs. Sie möchten das Problem erledigt haben. Oft haben sie die Anregung von Angehörigen oder vom Hausarzt bekommen, da reicht die Entgiftung. Das sind bei uns drei Wochen. Viele denken dann, das Problem ist gelöst. Aber, sie lügen sich was in die Tasche. Ehrlichkeit tut manchmal weh. Und es ist nicht immer leicht, denn das, was ich da sehe, möchte ich gar nicht sehen.

Das bedeutet, man muss sich zusammen mit einem Therapeuten die Arbeit machen, hinzuschauen. Auch hinschauen, was hat es im Vorfeld für Ankündigungen gegeben, die deutlich machten, da passiert ein Rückfall. Und diese Bearbeitung ist schmerzhaft und auch nicht leicht. Aber die beste Möglichkeit, eine Änderung zu erzielen.

Salinger: „Ich glaube, wir müssen eine ehrliche Debatte führen. Wir können von verschiedenen Dingen abhängig werden, und es ist wichtig, dass schon Jugendliche in der Schule damit konfrontiert werden und über das Thema spricht.

Der zweite Teil ist: der Staat verdient ganz gut am Alkohol. Das hat dann eine gewisse Doppelmoral und da gibt es sehr viel Lobbyarbeit. Und dieser Doppelmoral, der fallen viele Menschen zum Opfer. Und natürlich: der Alkohol hat in der Menschheit schon immer dazugehört. Das wäre jetzt ein vermessener Ansatz, das ausmerzen zu wollen. Aber die Problematik wird gerne verleugnet. Und ich glaube, da liegt ein bisschen der Hase im Pfeffer.

Was mir auch Sorgen macht ist, dass sich Frauen in falschen Bereichen emanzipieren. Frauen in Leitungsfunktionen lösen die gleichen Probleme wie ein Mann mit den gleichen Verhaltensweisen. Ich will damit sensibilisieren, man muss nicht die gleichen Fehler machen, um dann festzustellen, das war doch doof. Aber auch da gibt es unterschiedliche Ansichten.“

Mehr zum Thema:

Informationen über die Suchtbehandlung am Bezirkskrankenhaus Bayreuth

Der Artikel erschien zuerst im Nordbayerischen Kurier, mit dessen freundlicher Genehmigung wir ihn hier veröffentlichen.