Am 12. Mai rückt die Pflege in die Öffentlichkeit. Was, wünschen Sie sich, sollen Außenstehende besser über Pflege verstehen?
Roman Saam: Ich würde mir wünschen, dass in der Gesellschaft erkannt wird, wie anspruchsvoll und verantwortungsvoll Pflege ist – sowohl körperlich als auch emotional. Die Aussage „Pflege kann jeder“ greift deutlich zu kurz, denn professionelle Pflege erfordert fundiertes Fachwissen, Erfahrung und ein hohes Maß an Empathie. Pflege ist weit mehr als Unterstützung im Alltag, sie ist eine komplexe und unverzichtbare Gesundheitsprofession. Bessere Arbeitsbedingungen und echte Wertschätzung für Pflegekräfte wären daher dringend notwendig.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Pflege?
Saam: Meiner Meinung nach liegen die größten Herausforderungen derzeit im ausgeprägten Fachkräftemangel, der die Versorgung vielerorts an ihre Grenzen bringt. Dadurch steigt die Arbeitsbelastung erheblich, was zu Stress, Erschöpfung und Berufsabwanderung führt. Gleichzeitig verschärft der demografische Wandel die Situation zusätzlich, da immer mehr pflegebedürftige Menschen einer vergleichsweise kleineren Zahl an Fachkräften gegenüberstehen. Ohne strukturelle Reformen wird sich diese Entwicklung weiter zuspitzen.
Inwiefern verändert sich Pflege aktuell?
Saam: Pflege verändert sich zunehmend durch neue Versorgungsformen, insbesondere im Bereich der sektorenübergreifenden und ambulanten Behandlung, so dass Patienten häufiger in ihrer gewohnten Umgebung versorgt werden können. Gleichzeitig schreitet die Professionalisierung weiter voran, etwa durch höhere Qualifikationsanforderungen, Spezialisierungen und erweiterte Kompetenzen für Pflegefachpersonen. Insgesamt wird Pflege dadurch komplexer, aber auch stärker an individuellen Bedürfnissen ausgerichtet.
Wie verändert sich die psychiatrische Versorgung durch gesellschaftliche Entwicklungen?
Saam: Die psychiatrische Versorgung steht unter zunehmendem Druck - weil die psychische Belastung in der Bevölkerung steigt. Entsprechend rücken Prävention und frühzeitige Intervention stärker in den Fokus, um Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen und chronische Verläufe zu vermeiden. Gleichzeitig werden ambulante und gemeindenahe Angebot ausgebaut, Betroffene können näher in ihrem gewohnten Lebensumfeld versorgt werden, Schnittstellen zwischen stationär und ambulant besser. Und nicht zuletzt werden digitale Angebote wie online Therapien und Videosprechstunden bedeutender. Insgesamt wird die Versorgung psychisch kranker Menschen dadurch vielfältiger, vernetzter und flexibler.
Welche Rolle spielt interdisziplinäre Zusammenarbeit für die Pflege?
Saam: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist elementar, da Pflegekräfte die Schnittstelle zwischen Patienten und den verschiedenen Berufsgruppen bilden. Der enge Austausch mit Ärzten, Therapeuten und dem Sozialdienst ermöglicht eine abgestimmte, ganzheitliche Versorgung. So können medizinische, pflegerische und soziale Aspekte besser berücksichtigt werden. Gleichzeitig trägt eine gute Zusammenarbeit wesentlich zur Versorgungsqualität und zu effizienteren Abläufen bei.
Was muss sich politisch ändern, damit Pflege zukunftsfähig bleibt?
Saam: Politisch braucht es vor allem klare Rahmenbedingungen für einen sinnvollen Qualifikationsmix, damit unterschiedliche Ausbildungsniveaus gezielt eingesetzt werden können. Zudem müssen Rollen und Kompetenzen akademisch qualifizierter Pflegefachpersonen stärker definiert und angemessen vergütet werden. Nur so lassen sich neue Berufsbilder sinnvoll integrieren und die Versorgung langfristig sichern. Ohne diese strukturellen Anpassungen wird die Zukunftsfähigkeit der Pflege erheblich eingeschränkt.
Welche Rolle spielen Digitalisierung und neue Kompetenzen in der Pflege?
Saam: Eine zunehmend wichtigere. Durch elektronische Dokumentation, vernetzte Systeme und technische Assistenzlösungen werden Prozesse erleichtert. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an Pflegefachpersonen deutlich. Die generalistische Ausbildung stärkt daher ein breites Kompetenzprofil, das fachliche, kommunikative, organisatorische und digitale Fähigkeiten umfasst. Insgesamt führt dies zu einer moderneren Ausbildung, die besser auf die komplexen Anforderungen der Praxis vorbereitet.
Was würden Sie jungen Menschen sagen, die überlegen, in die Pflege zu gehen?
Saam: Pflege ist sinnstiftend. Die eigene Arbeit zeigt unmittelbare Wirkung. Gleichzeitig handelt es sich um ein zukunftssicheres Berufsfeld mit dauerhaft hoher Nachfrage. Auch wenn technische Unterstützung zunimmt, bleibt die menschliche Beziehung, Empathie und individuelle Begleitung unverzichtbar. Pflege verbindet damit gesellschaftliche Relevanz mit beruflicher Stabilität und vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten. Kurz gesagt bedeutet Pflege: viel Herz, wenig Schlaf, aber jede Menge Geschichten fürs Leben.

