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Mit Schmerz gegen die Anspannung

Dr. med. Stephanie Steinmann über selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen

Wenn sich Jugendliche selbst verletzen, geht es meist darum, negative Gefühle und Anspannung abzubauen. Dahinter liegen oft psychische Probleme oder Traumata. Was Eltern tun können und wo es Hilfe gibt, verrät Dr. med. Stephanie Steinmann, Leitende Oberärztin der Institutsambulanz für Kinder und Jugendliche am Bezirkskrankenhaus Bayreuth sowie der Tagesklinik und Institutsambulanz für Kinder und Jugendliche in Hof, im Interview.

 

Jemand verletzt sich selbst. Was versteht man darunter? 

Die Jugendlichen beißen oder kratzen sich bis es blutet oder reißen sich Haare aus. Oder sie verletzen sich mit Rasierklingen oder Messern selbst an Armen, Beinen oder anderen Körperteilen. Sie verbrennen sich mit Zigaretten oder Feuerzeugen, verbrühen sich mit kochendem Wasser. Diese Jugendlichen wollen sich jedoch meist nicht das Leben nehmen. Sie nutzen den Schmerz als Bewältigungsstrategie für emotionalen und körperlichen Stress. Fachleute bezeichnen es daher als nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV). Es ist häufig Ausdruck einer Emotionsregulationsstörung, also keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom einer dahinterliegenden psychischen Erkrankung. 

In welchem Alter tritt dieses Verhalten auf?

Selbstverletzendes Verhalten kommt häufiger vor als viele denken – besonders häufig im Jugendalter, meist bei Mädchen. Jungen können aber genauso davon betroffen sein. 

Was steckt dahinter? 

Die Ursachen für nicht-suizidales selbstverletzendes Verhaltens sind vielschichtig. Selbstverletzungen sind als eine Art Ventil zu verstehen, mit dem die Jugendlichen versuchen, psychischen Druck abzubauen und negative Gefühle und Anspannung loszuwerden. Die Jugendlichen spüren kurzzeitig eine Entlastung durch den mit der Selbstverletzung verbundenen Schmerz. Die eigentlichen Ursachen des nicht-suizidalen selbstverletzenden Verhaltens bleiben aber bestehen. Häufig zeigen sich psychische Probleme, wie Depressionen, Angst- oder Essstörungen, oder auch Traumata in der Vorgeschichte. Eher selten tritt das selbstverletzende Verhalten isoliert auf. Soziale Medien oder der Freundeskreis können Jugendliche mit nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten in Berührung bringen. Ob jemand dann damit weitermacht, hängt von anderen Faktoren ab.  

Welche Rolle spielen Scham- und Schuldgefühle?

Die Problematik ist häufig für die Betroffenen sehr schamhaft besetzt und die Jugendlichen versuchen dies zu verstecken, indem sie auch im Sommer lange Ärmel tragen oder den Schwimmbadbesuch meiden.

Wie kann ich als Elternteil dieses Verhalten bei meinem Kind bemerken oder erkennen, dass das Kind gefährdet ist?

Es finden sich Verletzungen – häufig mehrere Schnittverletzungen an einer Körperstelle – zum Beispiel den Armen, aber auch an den Beinen, dem Bauch oder anderen Körperstellen. Oder Betroffene erfinden Erklärungen für die Verletzungen, die nicht nachvollziehbar sind. Oft erleben Eltern auch Veränderungen im Verhalten ihres Kindes (zum Beispiel Rückzug), oder sie finden Rasierklingen im Zimmer des Kindes oder blutiges Verbandsmaterial.

Wie kann ich als Elternteil unterstützend darauf reagieren? 

Für Eltern ist es häufig zunächst ein großer Schock, wenn sie erkennen, dass sich ihr Kind selbst verletzt. Wichtig ist dann, nicht selbst in Panik zu verfallen und dem Kind oder sich selbst Vorwürfe zu machen. Auch der Versuch, das selbstverletzende Verhalten zu „verbieten“, ist meist wenig hilfreich, sondern verstärkt eher die Tendenz Selbstverletzungen noch mehr zu verheimlichen. Sinnvoll ist, dass Eltern in einem ruhigen Moment den Verdacht ansprechen, dabei ihre Zuneigung und Fürsorge zeigen, eigene Unterstützung anbieten, aber auch die Bereitschaft zeigen, fremde Hilfe anzunehmen. 

Wo gibt es Hilfe? 

Erster Ansprechpartner ist häufig der Haus- oder Kinderarzt, gerade auch in den Fällen, in denen Verletzungen ärztlich behandelt werden müssen. Weitere Ansprechpartner können Kinder- und Jugendpsychiater und -psychotherapeuten, psychologische Beratungsstellen oder Schulpsychologen sein. Wichtig wird dabei sein, dass nicht nur das Symptom der Selbstverletzung, sondern auch die dahinterliegenden psychischen Probleme, Belastungen und Gefährdungen erkannt und behandelt werden. 

Wie läuft das ab?

Dies kann im Einzelfall sehr unterschiedlich aussehen. In vielen Fällen ist eine ambulante Psychotherapie hilfreich, in anderen Fällen auch eine tagesklinische oder auch stationäre Behandlung. Bei ausgeprägten Mobbingerlebnissen kann ein Schulwechsel hilfreich sein, oder bei wiederkehrenden familiären Konflikten eine Familienberatung oder -therapie. Wichtig ist vor allem auch, dass die Eltern selbst mit ihrem Kind in eine vertrauensvolle Beziehung kommen und auch bleiben.

 

Kontakt

Dr. med. Stephanie Steinmann

Leitende Oberärztin der Institutsambulanz für Kinder und Jugendliche am Bezirkskrankenhaus Bayreuth sowie der Tagesklinik und Institutsambulanz für Kinder und Jugendliche in Hof

Mail stephanie.steinmann@gebo-med.de

Institutsambulanz Bayreuth
Telefon 0921 283-3203

 

Hilfe

Hilfsangebote unter https://www.gebo-med.de/unternehmen/kooperationen

(unter Angehörigenberatung Kinder- und Jugendpsychiatrie)