Er ist der Leitende Oberarzt der Abteilung für Klinische Suchtmedizin am Bezirkskrankenhaus Bayreuth und weiß: Bevor die Menschen für die Entgiftung in die Klinik kommen, hat der schmerzhafte Prozess längt begonnen.
Sich aufzuraffen und sich dafür zu entscheiden, einen Entzug zu machen, ist der erste Schritt auf einem steinigen harten Weg. „Das ist kein feiner weicher Sandboden, auf dem diese Patienten gehen. Und nicht alle sind Fakire und halten das aus“, sagt Markus Salinger. Angst vor Rückfällen, Scham, sich Konflikten stellen – er spricht von „Erkenntnisschmerz“ oder „Veränderungsschmerz“, den seine oft polytoxen (Mischkonsum) Patienten erleben, wenn sie die Komfortzone verlassen. Und zwar bevor sie in die Klinik kommen. Man müsse schließlich erstmal an dem Punkt sein, etwas ändern zu wollen. Und das sei unbequem und tue eben oft auch weh.
Vor allem, weil sich die meisten oft gut eingerichtet haben mit ihrer Sucht, sagt Salinger. Allerdings dreht sich eine Suchterkrankung wie eine Spirale immer weiter nach unten. „Die Sucht wird langjährig intensiver“, sagt Salinger. Schließlich steht hinter der Sucht oft eine andere Problematik. 40 Prozent der Patienten sind traumatisiert, haben in ihrer Kindheit unschöne Erfahrungen gemacht. Ein Entzug und eine Therapie bedeuten auch, sich mit der Vergangenheit und schmerzhaften Gefühlen auseinanderzusetzen und diese nicht mehr zu betäuben. Das wird vielen hier dann klar.
Wieviel emotionalen Schmerz lasse ich zu? Kann ich das aushalten? „Was kostet mich das? Was bringt`s mir?“ Die Patienten machen für sich eine Rechnung auf. Und Salinger sagt klar: Man kann nicht jeden retten. „Manche fühlen sich wertlos, stecken so tief im Schmerz fest, dass sie eher einen Suizid billigend in Kauf nehmen, als den großen und herausfordernden Schritt des Entzugs zu gehen.“
Sein Durchhalte-Apell: „Es lohnt sich. Immer!“ Der Gang über eine seiner Entzugs- und Therapiestationen zeigt, wie wertvolle Arbeit dort geleistet wird. „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll“, steht an der Wand im langen Flur geschrieben. Das Zitat des Physikers und Schriftstellers Georg Christoph Lichtenberg soll motivieren, abstinent zu bleiben. 21 Tage dauert ein qualifizierter Alkoholentzug in der Regel. In Verbindung mit zusätzlichen Erkrankungen (Komorbiditäten) auch mal zwei bis drei Monate. Psychovegetative Entzugssymptome inklusive: Zittern, schlechter Schlaf, Nervenschmerzen, Verspannungen. Ein Alkoholentzug lasse sich gut steuern, sagt Salinger. „Um ein Delir zu verhindern, gibt es gute Medikamente.“
Man bekomme durch die erreichte Abstinenz so viel geschenkt. Dies kann man intoxikiert gar nicht richtig erkennen. Zum Beispiel ein ganz anderer Kontakt zu Familie und Freunden. Oder wieder richtig schlafen können, unabhängig von der Substanz.
Kontakt:
Markus Salinger
Leitender Oberarzt der Abteilung für Klinische Suchtmedizin am Bezirkskrankenhaus Bayreuth
Telefon 0921 283-3031 (Sekretariat)
Nordring 2
95445 Bayreuth
Info:
Die Abteilung für Klinische Suchtmedizin am Bezirkskrankenhaus Bayreuth besteht aus drei Stationen sowie einer Suchtambulanz und einer Substitutionsambulanz. Mitte 2026 eröffnet eine Tagesklinik für Abhängigkeitserkrankungen auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses.
- Die Station S1 ist eine beschützende Station zum qualifizierten Alkohol- und Medikamentenentzug sowie zur Krisenbehandlung bei Spiel- und Internetsüchten: Telefon 0921 283-5110
- Die Station S2 ist eine beschützte Aufnahme- u. Kriseninterventionsstation für alle Patienten mit Suchterkrankungen: Telefon 0921 283-5120
- Die Station S3 ist eine offene niedrigschwellige Entzugsstation für Abhängige illegaler Drogen: Telefon 0921 283-5130
- Die Substitutionsambulanz bietet Opiatabhängigen eine geregelte Substitutionsbehandlung entsprechend der Richtlinien: Telefon 0921 283-5611
- Suchtmedizinische Ambulanz mit aufsuchender Pflege: Terminvereinbarung unter Telefon 0921 283-5600
Selbsthilfe:
https://www.gebo-med.de/unternehmen/kooperationen
Selbsthilfebeauftragte Susanne Freund
Telefon: 0921-283 2090 (Dienstag bis Freitag)

