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Kinder- und Jugendpsychiatrie als Seismograh der Gesellschaft

Kinder sind unsere Zukunft. Deshalb müssen wir uns gut um sie und ihre Gesundheit kümmern. Weil ihr das Thema besonders am Herzen liegt, veranstaltete Dr. med. Kerstin Hessenmöller, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters (KJP) am Bezirkskrankenhaus Bayreuth deshalb ein Symposium mit Referenten aus ganz Deutschland.

Bezirkstagspräsident Henry Schramm dankte Dr. med. Kerstin Hessenmöller für ihr Engagement rund um die Veranstaltung und betonte die Wichtigkeit der KJP: „Was diese Kinder erlebt haben, ist unvorstellbar. Sie haben es verdient, dass sie optimal versorgt werden bei uns.“ 

Auch deshalb wird derzeit erheblich in die Zukunft der Kinder- und Jugendpsychiatrie investiert. Mit rund 55 Millionen Euro entsteht ein Neubau, der voraussichtlich 2028 bezogen werden kann. „Wir werden die ambulante Versorgung erweitern, eine Adoleszentenstation einrichten und die Tageskliniken ausbauen können“, sagt Dr. med. Kerstin Hessenmöller. 

Das Programm nahm die rund 130 Teilnehmer mit auf eine interessante Reise durch die Entwicklung des Fachgebiets. „Das Verständnis von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen hat sich im Laufe der Zeit erheblich verändert“, betonte Eva Gill, Vorständin der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken. 

Dr. Stefanie Franke, Leitende Medizinaldirektorin des Zentrums Bayern Familie und Soziales, stellte die Entwicklung der Traumaambulanzen und der Traumanetzwerke (zunächst in Niedersachsen und Baden Württemberg, inzwischen bundesweit) vor. Als Gründerin und Vorsitzende der deutschsprachigen Gesellschaft für medizinische und psychologische Begutachtung im Schwerbehindertenrecht und sozialen Entschädigungsrecht, und Dozentin mit Vortragstätigkeiten in der Fortbildung ärztlicher und psychologischer Gutachter im Schwerbehindertenrecht und sozialen Entschädigungsrecht verfügt sie über eine ausgezeichnete Expertise. Über die Bedeutung und Entwicklung von Traumaambulanzen für Kinder referierte Isabella Flatten-Whitehead aus Ulm. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin zeigte, wie wirksam Traumaambulanzen arbeiten und wie wichtig der flächendeckende Ausbau der Versorgung sei.

Dr. Kerstin Hessenmöller ging auf die Entwicklung der Kinder- und Psychiatrie ein und darauf, wie die gesellschaftliche Haltung gegenüber psychisch kranken Kindern und Jugendlichen auch Diagnosen beeinflusse. Die Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie zeige sich in ihrer Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen als „Seismograph“.

Kritisch-kontrovers blickte Dr. med. habil. Frank Häßler, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie,-psychotherapie, Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeut aus Rostock, auf die Häufigkeit der psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Über die vergangenen Jahrzehnte lasse sich eine deutliche Zunahme der Selbstdiagnosen beobachten, wie beispielsweise einer Dissoziativen Identitätsstörung, ADHS und Autismus-Spektrum-Störung. Aber auch die professionell vorgegebenen Diagnosen haben zugenommen. Die Ursachen sind vielfältig. Nicht jeder Schulschwänzer, nicht jedes aggressive Kind sei auch psychisch krank. Andererseits seien auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie noch nicht überwunden und werden durch Klimakrise und Nachrichten über Krieg und Katastrophen befeuert. Entwicklungen der Kinder – mit all ihren Herausforderungen – und natürliche Lebensprozesse, wie solche der Frage nach der eigenen Identität mit den einhergehenden Verunsicherungen von Kindern und Jugendlichen, werden schnell pathologisiert. Als mögliche Ursachen nannte Häßler unter anderem die Eltern, die oft selbst psychisch erkrankt sind, und den Einfluss der digitalen Medien.

Einen Einblick in die Elternarbeit im Rahmen der Behandlung von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen gab Moritz Küssner. Er ist Stationsleiter der Tageskliniken für Kinder und Jugendliche am Bezirkskrankenhaus in Bayreuth und sagt klar: „Die Elternarbeit ist für mich das Salz in der Suppe. Sie bietet die Chance, Kindern und Jugendlichen dauerhaft und nachhaltig helfen zu können.“ Die Qualität und Intensität der Elternarbeit habe sich über die Jahre stark verändert: weg vom Kind-zentrierten therapeutischen Ansatz, hin zum systemisch-familiären Arbeiten. Mitunter seien die Eltern aber mindestens genauso krank wie ihre Kinder. „Wir wollen unseren jungen Patienten in den Monaten bei uns eine bestmögliche Zeit bieten und währenddessen die Eltern dazu bewegen, sich selbst Hilfe zu holen“, erklärt Küssner. 

Was ein frühkindliches Trauma bewirkt und welche Folgestörungen es nach sich ziehen kann, beleuchtete Prof. Dr. Cedric Sachser vom Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. So seien belastende Kindheitserfahrungen und traumatische Ereignisse häufig in der Bevölkerung und nochmals deutlich erhöht in klinischen Populationen. 

An einem Nachmittag, an dem es nur um Kinder und Jugendliche geht, dürfen Kinder und Jugendliche natürlich nicht fehlen. Die hauseigene Band mit Jugendlichen der KJP trat zu Beginn und in der Pause auf und spielte drei Lieder. Samt Schlagzeug, Gitarren, Bass, Keyboard und Gesang. Die Gäste waren begeistert und jubelten. Musiktherapeut Christopher Buchholz hat die Band gegründet und war sichtlich stolz auf die jungen Musiker.