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Wenn die Sicherung durchbrennt

Datum:Dienstag, 08. Oktober 2019
Standort:GeBO gesamt
Fachbereich:alle Bereiche
Rubrik:Psychiatrie

Schon als Kind war sie schwierig. „Scheuer, ängstlicher, empfindlicher", beschreibt Simone M. sich selbst. Und das zog sich dann so durch. „Mit Ende 20 dachte ich, meine Pubertät sei immer noch nicht vorbei." Ständig gereizt und aufbrausend – wie ein Teenager – reagierte die heute 42-Jährige auf ihr Umfeld. Anfang 30 dann die Diagnose: Borderline. Das war zuerst ein Schock, doch dann kam die Erleichterung. „Es war schön, endlich verstehen zu können, warum man so ist und dass es auch andere Menschen gibt, die genauso sind", erinnert sich Simone M. zurück.

Emotionale Brandopfer dritten Grades

Seitdem durchläuft sie seit mehreren Jahren Therapien. Das hilft ihr, den Alltag zu bewältigen. Und der ist alles andere als einfach, weiß Rola Schmitt-Tonne. Borderliner bezeichnet sie als emotionale Brandopfer dritten Grades. „Das macht das Leben schwer erträglich". Die Sozialpädagogin und Suchttherapeutin bietet ihre Hilfe an. Ab Oktober leitet sie im Bezirkskrankenhaus in Bayreuth eine neue Informationsgruppe Borderline.

„Wir haben es hier mit einer schweren psychischen Erkrankung zu tun", sagt Schmitt-Tonne. Da Borderline zu den Persönlichkeitsstörungen gehört, sind Bereiche des Fühlens, Denkens und Handelns beeinträchtigt. Die Folge: Verstörendes und teilweise paradox wirkendes Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Außerdem haben Erkrankte oft ein zerrissenes Verhältnis zu sich selbst.

Wie ein Feuerwerk im Kopf

Symptome, die auch Simone M. gut kennt: „Ich wusste nie, was ich will und was ich mag. Ich war immer wurzellos, bin ständig umgezogen." Ihr Glück suchte sie im Außen, weil sie es in sich drin nicht finden konnte. Doch sie verlor alles – Mann, Haus, Familie, Geschäft. „Man denkt, der Partner ist der ultimative Mensch, der einen rettet. Das ist aber nicht so", sagt M. – weil Borderliner eben „Grenzgänger" sind und nicht in der Lage, mit Gegensätzen umzugehen. Zwischen gut und böse, schwarz und weiß gibt es für sie keine Grautöne. Ein ständiger Wechsel zwischen großer Liebe und abgrundtiefer Enttäuschung, Idealisierung und Abwertung des Partners, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. „Wie ein Feuerwerk im Kopf", verbildlicht es die Betroffene.

Das gängige Klischee, dass es zum Borderliner generell gehört, sich selbst verletzen, möchte Schmitt-Tonne korrigieren; nicht jeder Selbstverletzer leidet an einer BPS und nicht jeder Borderliner verletzt sich selbst.   Selbstverletzendes Verhalten ist nur ein Symptom unter neun anderen. Dass jeder, der sich selbst verletzt, ein Borderliner sei, ist ein gängiges Klischee, sagt Schmitt-Tonne. Es komme aber natürlich bei vielen vor.

Gedanklich aussteigen

Nina B.s Arme sind übersät mit Narben. Wenn die 30-jährige ihre inneren Spannungen nicht mehr aushielt, griff sie zum Messer, um sich zu schneiden oder sie fügte sich Verbrennungen zu. „Damit der körperliche Schmerz größer ist als der seelische. Nur so konnte ich gedanklich aussteigen", erklärt die Frau. Dass sie im wahrsten Sinne mit dem Feuer spielt, verdeutlicht ihre wohl schwerste Verletzung. Um ein Haar entging sie einer Blutvergiftung. „Ich wollte zeigen, wie ernst es mir ist", sagt sie heute.

Von vielen werden Borderliner als durchgeknallt, unberechenbar, ja sogar gefährlich abgestempelt, sagt Schmitt-Tonne. Dabei sei das Krankheitsbild so komplex und umfasse die ganze Palette menschlichen Fühlens – eben nur intensiver und von daher schwer aushaltbar für Betroffene und andere Menschen: es gibt stille, schrille, wütende, vereinsamte Borderliner. In den meisten der Therapien gehe es vor allem darum, dass Borderliner sozialkompatibel und alltagstauglich werden, sagt Simone M. etwas bedauernd. Die Persönlichkeit eines Borderliners sei aber nicht einfach zu ändern. Einen Weg zu finden, in der „Normal"-Gesellschaft damit zu leben, ohne sich zu verbiegen – das ist das Ziel.

Diesen Weg aufzuzeigen versucht Rola Schmitt-Tonne in ihrer neuen Informationsgruppe. Diese richtet sich an Borderline-Betroffene sowie - wenn es die Zusammensetzung der Gruppe zulässt und mit Einverständnis der Borderline-Betroffenen - auf Wunsch auch an Angehörige.

 

Info:

Die Informationsgruppe Borderline startet am Dienstag, 29. Oktober, und trifft sich 14-tägig jeden Dienstag von 18 bis 20 Uhr im Konferenzraum des Gebäudes M8 im Bezirkskrankenhaus in Bayreuth. Maximal zwölf Personen können mitmachen. Teilnehmer benötigen eine Überweisung vom niedergelassenen Facharzt oder eine Verordnung der Institutsambulanz am BKH. Eine Anmeldung ist erforderlich unter Telefon 09 21/2 83 56 00.

 

Downloads

Hier können die zugehörigen Dokumente dieser Veranstaltung heruntergeladen werden.

Andrea Franz Psychiatrie

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