loading loading

News

Tablette statt Therapie: Kritische Töne beim Psychiatrie-Symposium

Datum:Freitag, 26. Januar 2018
Standort:GeBO gesamt
Fachbereich:alle Bereiche
Rubrik:Psychiatrie

Ein Griff zur Tablette. Das geht schnell, sekundenschnell. Und es kostet weniger. Es kostet die Krankenkassen weniger. Dabei sei es oft viel sinnvoller, psychische Erkrankungen mit einer Psychotherapie zu behandeln, als mit einem Medikament. Auch und gerade mit Blick auf Nebenwirkungen. „Aber wir haben hier keine Chance", so Dr. med. Karolina Leopold. Beim Psychiatrie-Symposium im Bezirkskrankenhaus Bayreuth sparten die hochkarätigen Referenten auch nicht mit kritischen Tönen.

Mehr Geld für die Psychiatrie nötig

Beispielsweise der Kritik am Gesundheitssystem. Das für Medikamente Geld bereithalte, nicht aber für Psychotherapien. „Es kann doch nicht sein, dass wir Patienten etwas anbieten, das schlechter ist, nur weil es billiger ist. Aber wir haben hier keine Chance", so Karolina Leopold. „Psychotherapien bringen genau die gleiche Besserung wie Medikamente, das ist doch etwas, was Krankenkassen eigentlich überzeugen müsste." Professor Dr. med. habil. Thomas Kallert, Leitender Ärztlicher Direktor der Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken (GeBO) schlug in dieselbe Kerbe: „Im Gesundheitssystem passiert nicht das, wofür es Wirksamkeitsnachweise gibt." Der Grund dafür: das Geld. Am Geld hänge Ausstattung, Qualifikation, so Kallert. „Der Anspruch ist da, aber die Ressourcen fehlen."

Behandlung früh beginnen

Dr. Karolina Leopold ist Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum am Urban Berlin. Sie sprach beim Psychiatrie-Symposium in Bayreuth über die Möglichkeit, Psychosen schon früh erkennen zu können.

Vornweg: Es ist nicht möglich. Denn Symptome, die auf eine Psychose hindeuten, müssen sich nicht zwangsläufig zu einer solchen auswachsen. Wovon sie aber überzeugt ist, ist, dass man schon viel früher ansetzen muss, um Psychosen zu erkennen und zu behandeln, bei Jugendlichen nämlich. Im Alter zwischen 14 und 24 Jahren seien 75 Prozent aller psychischen Erkrankungen bereits manifest. „Wenn wir uns also nicht auf die jungen Menschen fokussieren, ist es immer zu spät." Durchschnittlich bleibt in Deutschland eine Psychose ein Jahr unbehandelt, ehe der Patient Hilfe bekommt. Würde man früher mit einer Behandlung ansetzen, könne das Lebensqualität erhalten und die Patienten würden in dieser frühen Phase auch besser auf Therapien ansprechen. Therapien, die dann auch anders aussehen müssten. Schließlich brauche ein Patient, der gerade erst erkrankt ist, eine andere Behandlung, als einer, der seit Jahren unter seiner Erkrankung leidet. Will man in der Psychiatrie also ernsthaft Früherkennung betreiben, müssen Psychiater für Kinder und Jugendliche und solche für Erwachsene gemeinsame Konzepte entwickeln.

Gegen eine Stigmatisierung

Eines davon kann sein, Angebote für junge Menschen zu schaffen, „bei denen etwas nicht stimmt" – erst einmal unabhängig davon, welche Erkrankung dem zugrunde liegen kann. „Hier brauchen wir dringend Ideen, was wir anbieten können." Anbieten, um Symptome zu behandeln, um einer Stigmatisierung entgegen zu wirken, um zu verhindern, dass sich die Krankheit manifestiert.

Die Früherkennung von Psychosen war nur eines der vielschichtigen Themen, mit denen sich am Freitag rund 150 Fachleute aus dem Bereich Psychiatrie befassten und sie diskutierten.

Die Rolle der Angehörigen in der Psychiatrie

Ein anderes, das Professor Kallert aufgriff, waren die Angehörigen. Er bezeichnete sie als „vergessene Klientel". Vergessen in zweifacher Hinsicht. Zum einen dürfe nicht unterschätzt werden, wie hilfreich sie in der Therapie von Partnern, Eltern oder Freunden sind. Zum anderen sind Angehörige aber oft selbst stark durch die Krankheit ihres Partners belastet, brauchen also auch selbst Unterstützung. Studien haben das gezeigt. Der Wunsch von Angehörigen, zum einen gesehen zu werden und zum anderen in ihren Kompetenzen gestärkt zu werden, sei groß.

Empirisch nachgewiesen sind insbesondere folgende gesundheitliche Auswirkungen beziehungsweise Symptome bei Angehörigen psychisch Kranker: Grübeln, Schlafstörungen, innere Unruhe, Reizbarkeit, Mattigkeit, Ängste und Sorgen. Nicht selten kommt es als Folge der erlebten Belastung auch bei den Angehörigen zu psychischen. Gefährdet sind zum Beispiel Frauen, die mit einem depressiven Partner in einem Haushalt leben und einen vermeidenden Bewältigungsstil zeigen. Dazu käme, dass sie sich in ihrem Privat- und Familienleben beeinträchtigt fühlen. Freizeit falle weg, sie müssen neue soziale Rollen füllen, beispielsweise Dinge übernehmen, die bisher ganz selbstverständlich der Partner übernommen hatte. Und auch das gibt es: berufliche Nachteile und finanzielle Einbußen, Diskriminierung, soziale Isolation.

Psychische Belastung von Migranten

Weitere Themen des Symposiums waren unter anderem die kultursensible Behandlung in der Psychiatrie. Gerade mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingskrise gelte es die besonderen psychischen Belastungen von Menschen mit Migrationshintergrund im Blick zu haben. Außerdem ging es um Traumata, um den Wandel des Berufsbildes vom Irren-Arzt zum Neurowissenschaftler und den Begriff der Geschäftsfähigkeit.

Kallert hatte zu Beginn des Symposiums darauf verweisen, dass diese Art der Veranstaltung künftig einen festen Platz im Veranstaltungskalender der GeBO haben soll. Schließlich sei die Liste der Fragen, die es zu diskutieren gibt, noch lang...

Suchen