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Schützen, heilen, integrieren

Datum:Mittwoch, 14. August 2019
Standort:GeBO gesamt
Fachbereich:alle Bereiche
Rubrik:Forensik

Was treibt Leute dazu, eine Gewaltstraftat zu begehen? Und wie kann man ihnen helfen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren? Stefanie Koel hat sich diese Fragen zur Aufgabe gemacht. Die 39-Jährige arbeitet als erste und bisher einzige Kriminologin in der Forensischen Psychiatrie am Bezirkskrankenhaus in Bayreuth. Ein Berufsporträt.

Krimis haben sie bereits in der Kindheit fasziniert. „Ich hatte schon immer ein sehr hohes Rechtsbewusstsein" sagt Stefanie Koel im Gespräch. Die Diplompädagogin arbeitete nach ihrem Studium zunächst im Strafvollzug. 2016 führte der Weg der gebürtigen Nordrhein-Westfälin nach Oberfranken, wo sie seitdem in der Forensik des Bezirkskrankenhauses Bayreuth arbeitet. Nach einem berufsbegleitenden Aufbaustudiengang der Kriminologie in Hamburg ist sie nun als Kriminologin tätig – auf einer von elf Stationen mit insgesamt 180 männlichen Patienten.

Alle sind sie verurteilte Straftäter: Gewalt, Drogen, Sexualdelikte, Mord. Weil sie ihre Taten aufgrund einer gutachterlich attestierten psychischen oder Suchterkrankung begangen haben, wurden sie vom Gericht zu Maßregelvollzug statt normalem Strafvollzug verurteilt. Und landeten dann in der Klinik für Forensische Psychiatrie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, einer von 14 Maßregelvollzugsanstalten in Bayern. Drei Ziele sind dort vorrangig: Die Gesellschaft vor den Straftätern schützen, die Straftäter therapieren und ihnen helfen, in der normalen Gesellschaft wieder Fuß zu fassen und sich zu integrieren.

Problem Crystal

Stefanie Koel arbeitet auf ihrer Station ausschließlich mit suchtkranken Straftätern im Alter von Mitte 20 bis 40. Handel, Einfuhr und Besitz von Betäubungsmitteln stehen bei den meisten der rund 20 Patienten in der Akte. Die Droge Crystal ist beim Großteil das Problem.

Für acht Patienten ist die Kriminologin zuständig. „Das bedeutet für mich nicht, den körperlichen Entzug zu begleiten", sagt Koel. Den haben die meisten bereits hinter sich, da sie vorab schon einen Teil ihrer Haftstrafe in einem normalen Gefängnis verbüßt haben. Koels Aufgabe ist es, in einer so genannten Deliktgruppe die Biografien der Männer aufzuarbeiten. Ergänzend dazu gibt es auch eine Suchtgruppe.

Wann kam der erste Drogenkontakt? Warum ist man in die Abhängigkeit gerutscht? Wann und warum wurde die Straftat begangen? Um das herauszufinden, führt die 39-Jährige Gruppensitzungen und auch einzeltherapeutische Gespräche mit ihren Patienten. Angst hat sie keine. „Ich bereite mich gut vor, sage vor Vier-Augen-Gesprächen Kollegen Bescheid, trage immer ein Gerät mit Alarmknopf bei mir, setze klare Grenzen." Ihr sicheres Auftreten verschafft der Kriminologin Respekt. Auch deshalb kam es womöglich noch nie zu einem Übergriffsversuch.

Zwei Jahre haben Koel und ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Therapeuten, Sozialpädagogen, Psychologen und Pflegern laut Gesetzgebung Zeit, mit den Patienten an ihren Problemen und Krankheiten zu arbeiten – Risikofaktoren erkennen und sich vor Rückfällen schützen. „Ziel ist es, sich eine Sinnhaftigkeit im Leben aufzubauen, damit kein Bedürfnis mehr nach Drogen und Kriminalität besteht."

Gutachterliche Stellungnahmen

Über die Therapieentwicklungen jedes Einzelnen liefert Koel in Zusammenarbeit mit ihrem Stationsteam regelmäßig gutachterliche Stellungnahmen ans Gericht. An ihren Empfehlungen orientiert sich der Richter, wenn er über Lockerungsmaßnahmen oder das Ende des Vollzugs entscheiden muss. Externe Gutachten stützen das Ganze zudem.

Der Weg in die Freiheit wird von Koel und ihren Kollegen lange vorbereitet. „Damit sie danach bestmöglich Fuß fassen und wieder Teil der Gesellschaft werden können." Dafür begleiten sie die Patienten in die neue Wohnung, helfen beim Jobeinstieg und stehen zur Seite, wenn es um den Kontakt zu Familie und Freunden geht. Vor allem Einsamkeit macht vielen im Anschluss zu schaffen. Ein Rückfallrisiko bleibt immer. „Zufällige Ereignisse und Krisen lassen sich nun mal nie vorhersagen", sagt Koel. Dennoch sind die Zahlen durchaus positiv: Bayernweit sind 69 Prozent der ehemals süchtigen Straftäter nach einem Jahr in der Freiheit nicht wieder rückfällig geworden. 82 Prozent sogar blieben deliktfrei. Das treibt Stefanie Koel weiter an: „Mich freut es einfach, wenn sie danach ein gutes Leben führen können."

Andrea Franz Forensik

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