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Keiner bringt sich gerne um

Datum:Montag, 09. September 2019
Standort:GeBO gesamt
Fachbereich:alle Bereiche
Rubrik:Psychiatrie

Knapp 10.000 Suizide passieren in Deutschland jährlich – das sind fast dreimal so viele Tote, wie durch Verkehrsunfälle. Weit mehr als 100.000 Menschen erleiden jedes Jahr den Verlust eines nahestehenden Menschen durch Suizid. Um die Öffentlichkeit auf die weitgehend verdrängte Problematik der Suizidalität aufmerksam zu machen, wird alljährlich am 10. September der Welttag der Suizidprävention veranstaltet. Er ist im Besonderen auch ein Tag der Trauer und des Gedenkens an die durch Suizid Verstorbenen. Warum Menschen Suizid begehen und wie man als Angehöriger bei einer Suizidgefährdung handelt, erklärt Dr. Johannes Kornacher, Leitender Oberarzt der Depressionsstation am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, im Interview:

Warum begeht jemand Suizid?

Suizide oder Suizidversuche können viele Ursachen haben. Am häufigsten betroffen sind Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder solche, die sich in einer Lebenskrise befinden. Junge Menschen und Menschen in höherem Lebensalter haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für suizidale Handlungen. Männer sind deutlicher betroffen durch vollendete Suizide, während Frauen häufiger Suizidversuche unternehmen. Depressiv Erkrankte, Suchtkranke und schizophren Erkrankte sind besonders betroffen, ebenso Menschen in belastenden Lebensumständen und Lebenskrisen sowie mit schweren chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder Schmerzen. Das Gefühl der Ausweglosigkeit in einer unerträglichen Situation kann die Ursache sein, oft ist es auch ein Hilferuf.

Wie erkennt man eine Suizidgefährdung?

Äußerungen von Lebensmüdigkeit, Lebensüberdruss, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, wodurch auch immer, sind ein Nährboden nicht nur für Todeswünsche, sondern auch von Gedanken und Plänen, sich selbst das Leben zu nehmen. Zieht sich jemand außerdem zunehmend zurück, äußert Suizidgedanken und lässt Vorbereitungen erkennen (z.B. Tabletten sammeln), sollte man unmittelbar reagieren. Acht von zehn Menschen kündigen ihre Suizidabsichten vorher in irgendeiner Form an: Es stimmt also nicht, dass ein angekündigter Suizid dann doch nicht begangen wird. Immer wieder kommt es aber auch ohne eine solche Entwicklung kurzfristig, und selbst für die Betroffenen überraschend, zu ernsten Suizidhandlungen.

Wie kann ich als Betroffener dagegenwirken?

Wenn Sie in letzter Zeit öfter an Suizid denken, sollten Sie Hilfe holen – notfalls auch anonym. Professionelle Hilfe bieten die Hausärzte, niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten sowie psychologische Psychotherapeuten, Seelsorger, Telefonseelsorger und Beratungsstellen für Suizidgefährdete sowie psychiatrische Institutsambulanzen.

Wie kann ich als Angehöriger/Freund einem Suizid-Gefährdeten helfen?

Wenn Sie der Erste sind, der darüber informiert wird, nehmen Sie die Situation ernst und bieten Ihre Hilfe an. Veranlassen Sie abhängig von der Dringlichkeit zeitnahe professionelle Unterstützung durch Rettungsdienst (Notruf 112) oder Hausarzt. Fragen Sie direkt nach Suizidgedanken oder Plänen. Sind solche vorhanden, handelt es sich um einen Notfall und der Betroffene muss möglicherweise umgehend in eine beschützende Umgebung gebracht werden. Scheuen Sie sich nicht, einen Experten zu Rate zu ziehen, wenn sie glauben dass ein Mensch suizidgefährdet ist. Dies auch dann, wenn der Betroffene zunächst ablehnend ist – die meisten Menschen sind im Nachhinein froh, wenn sie dadurch gerettet werden. Unabhängig davon sollte rasch ambulante oder stationäre psychiatrische und psychotherapeutische Krisenintervention erfolgen, beispielsweise über die Ambulanzen der Bezirkskrankenhäuser oder, wo vorhanden, Kriseninterventionsdienste.

Wie begegne ich einem nahestehenden Menschen, dessen Suizidversuch nicht gelang?

Sprechen Sie den Betroffenen offen und frei von Vorwürfen an, fragen Sie, was ihn bewegt hat und wie es ihm geht. Vermitteln Sie ihm, dass ihre gemeinsame Beziehung weiter tragfähig ist, Sie ihn akzeptieren und ihn in dieser Situation unterstützen. Auch dann, wenn Sie seine Handlung im Augenblick nicht verstehen.

Warum ist Suizid so ein großes Tabu-Thema?

Die Themen Tod, Schuld und Versagen kommen hier zusammen, im Wort „Selbstmord" auch noch der Mord als aggressivste Form der Tötung – alles ausgesprochene Tabuthemen.  Weiter Scham,  gesellschaftliche Prägung durch eine lange Zeit, theologisch begründete Moral, wonach die Selbsttötung eine schwere Sünde ist. Vorwürfe wie: „Was hat der den anderen angetan",  Stigmatisierung, soziale Isolierung belasten die Hinterbliebenen. Unterschwellig besteht  Angst vor Ansteckung, Angst vor dem Unheimlichen, was für viele heute noch mit psychischen Störungen verbunden ist. Bedauerlicherweise findet man die stigmatisierende und per se schon tabuisierende Bezeichnung des „Selbstmords" trotz jahrelanger Bemühungen sogar immer wieder noch in Teilen medizinischer Fachliteratur. Ebenso wenig dürfte der sogenannte „Freitod" selten so frei zustande kommen wie der Begriff vorgibt: Keiner bringt sich gerne um.

Wie kann man das ändern?

Gegen die Macht jedes Tabus hilft aktives und offenes Ansprechen in einem vertrauensfördernden Rahmen. Diese Haltung unterstützt denjenigen, der einen Suizidversuch unternommen hat ebenso wie die Hinterbliebenen nach einem vollendeten Suizid.

Wie sieht im Falle einer Suizidgefährdung die Behandlung im Bezirkskrankenhaus Bayreuth aus?

Die Sicherung des Betroffenen und der Aufbau einer tragfähigen helfenden Beziehung sind die wirkungsvollsten Maßnahmen der Erstbehandlung. Abhängig von der Ursache der Suizidgefährdung, also einer psychischen Erkrankung im engeren Sinn oder einer Reaktion auf unerträgliche Lebensumstände, besteht die spezifische Behandlung in konkreten Unterstützungsmaßnahmen, psychotherapeutischer Hilfe und Entlastung durch Medikamente.

Was kann ich als Hinterbliebener für mich tun?

Die Menschen in der unmittelbaren Umgebung des Betroffenen werden durch den  unvermittelten Tod des geliebten Menschen aus der Bahn geworfen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass jeder Suizid oder Suizidversuch das Leben von mindestens sechs weiteren Menschen beeinträchtigt. Suchen Sie als Betroffener Unterstützung, sowohl bei den bereits genannten Berufsgruppen bzw. Stellen wie auch bei Selbsthilfegruppen für betroffene Angehörige, wie z.B. die örtlichen Gruppen des bundesweiten Vereins AGUS (Angehörige um Suizid: www-agus-selbsthilfe.de).

Andrea Franz Psychiatrie

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