News

Bin ich Sklave meines Handys?

Datum:Freitag, 19. Oktober 2018
Standort:Bezirkskrankenhaus Bayreuth
Fachbereich:alle Bereiche
Rubrik:Suchterkrankungen

Wie oft haben Sie heute schon auf Ihr Smartphone gesehen und kontrolliert, ob jemand das tolle Herbstfoto, das Sie bei Instagram gepostet haben, geliked hat? Haben wir Sie ertappt? 100 mal sieht der durchschnittliche Smartphone-Nutzer pro Tag auf sein Handy. Hochgerechnet auf eine durchschnittliche Lebenserwartung verbringt ein Handynutzer so elf Jahre seines Lebens damit, auf den kleinen Bildschirm in seiner Hand zu starren. Nicht nur Drogen und Alkohol machen abhängig. Auch das Smartphone kann das.

Verhaltenssüchte: Trenddiagnose oder Realität?

Die Handysucht gehört damit zum weiten Feld der Verhaltenssüchte, erklärt  Markus Salinger, Oberarzt der klinischen Suchtmedizin am Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Zu den Verhaltenssüchten zählen beispielsweise auch die Kaufsucht, die Arbeitssucht, die Sportsucht. Alles an sich kein Problem. Sport ist ja nicht per se schlecht. Doch wenn man ohne Sport nicht mehr leben kann, wenn man alles nur noch auf dieses eine Verhalten ausrichtet, oder wenn ich, im Fall der Kaufsucht, etwas kaufe, das mir überhaupt nichts nutzt, dann bin ich in eine Abhängigkeit geraten. Jede Sucht hat eine Funktion – sie bietet Ersatz für etwas, das im Leben fehlt, erklärt Markus Salinger. Sexsucht zum Beispiel könne Ersatz sein für eine Beziehung, in der es nicht mehr gut laufe.

Sucht als Wirtschaftsfaktor

Der Mensch wird abhängig, die Wirtschaft jubelt. Denn die nutzt im Hintergrund diese Sucht gnadenlos aus. „Es gibt ganz klare Mechanismen, die wirtschaftlich gebraucht werden, um Menschen in die Abhängigkeit zu bringen." Der Abhängig nämlich kauft. Die nächste App, das nächste Spiel, das nächste Schnäppchen.

Süchtig nach Anerkennung

Das Prinzip, das hinter dem Smartphone steckt, ist ein Belohnungssystem. Jedes „gefällt mir" in sozialen Netzwerken sei ein „virtuelles Wangenküsschen", wie es Salinger nennt. Der Nutzer bekommt Aufmerksamkeit, er bekommt Bestätigung. Und wer will das nicht? Doch die Bestätigung lässt sich nicht berechnen. Also wartet man darauf. „Und das fixt einen an. Nicht wissen, wann die Bestätigung kommt, macht abhängig."

Verhaltenssüchte entstehen schleichend. Es findet eine Veränderung statt. In der zunächst aber niemand ein Problem erkenne. Doch es ist ein Problem, wenn Menschen zwar den technisierten Umgang miteinander lernen, aber die normale Interaktion mit Menschen, von Angesicht zu Angesicht, verloren gehe und verlernt werde. Menschen entwickeln Phobien, fühlen sich zum Beispiel von normalen Telefonanrufen bedrängt, seien nicht mehr in der Lage, Dinge souverän zu meistern.

Sucht mit Heimtücke

Während man Alkoholikern oder Drogenabhängigen oft ansieht, dass sie süchtig sind, ist eine Verhaltenssucht heimtückischer. Sie ist nicht sichtbar, sie läuft im Hintergrund, nicht offensichtlich. Im Gegenteil, sagt Salinger. „Viele der Süchtigen sind hochprofessionelle Leute mit einem guten Job und mit Familie." Die Sucht versteckt sich unter dem Deckmäntelchen der Kreativität (tolle Fotos auf Instagram, Kontaktpflege in sozialen Netzwerken). Es sei nachgewiesen, dass ein Handy, allein wenn es auf dem Tisch liegt, die Aufmerksamkeit des Menschen beeinträchtige.

Salinger will die technischen Entwicklungen, will das Smartphone nicht verteufeln. Er will darauf aufmerksam machen, welche Probleme entstehen können, wenn das Handy das Leben bestimmt.

So merkt man, dass etwas nicht stimmt:

  • Kritisch wird der Gebrauch von Smartphones, wenn man merkt, dass die Kontrolle entgleitet.
  • Kritisch wird es, wenn ich Dinge mache, ohne dass ich sie machen will.
  • Kritisch wird es, wenn ich immer öfter und immer länger am Handy hänge.
  • Kritisch wird es, wenn ich damit weitermache, obwohl es negative Konsequenzen hat (weil ich beispielsweise meine Arbeit vernachlässige).
  • Kritisch wird es, wenn es eigentlich gar keinen Spaß mehr macht, ich aber trotzdem nicht davon los komme.

So lässt sich eine Verhaltenssucht verhindern:

  • Treffen Sie bewusst Entscheidungen: Beispielsweise das Laptop eben nicht mit an den Strand zu nehmen, um berufliche E-Mails zu checken.
  • Schaffen Sie Raum für arbeitsfreie, gaming-freie und bildschirmfreie Zeiten.
  • Leben Sie als Erwachsener den Kindern einen bewussten Umgang mit dem Smartphone vor. Das Smartphone gehört nicht an den Esstisch.
  • Vereinbaren Sie mit Jugendlichen Medienzeiten.
  • Schalten Sie Push-up-Meldungen ab.
  • Führen Sie sich mit ihren Handynutzer-Daten vor Augen, wie viel Zeit sie am Smartphone verbringen.
  • Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Menschen, nicht auf Bildschirme.

Vortrag: Wer mehr über das Thema erfahren und weitere Denkanstöße zum eigenen Verhalten erhalten will: Am Mittwoch, 24. Oktober 2018, hält Dr. Markus Salinger von 16 bis 18 Uhr einen Vortrag zum Thema „Bin ich Sklave meines Handys? Verhaltenssüchte. Trenddiagnose oder Realität?". Die Veranstaltung ist in der „Alten Wäscherei" im Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Nordring 2. Der Eintritt ist frei.

Suchen