Die Unterarme sehen zerschunden aus. Voller Kratzer, einige davon so tief, dass es blutet. Kein Unfall. Keine Tat eines anderen. Nein, das Kind hat sich das selbst angetan. Als Eltern steht man da verzweifelt und ratlos da. Der erste Rat, den Michael Nürnberger, Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Bayreuth gibt: Keine Panik!

Etwa jeder fünfte Jugendliche hat sich schon einmal selbst verletzt. Das kritische Alter ist meist zwischen zwölf und 13 Jahren, Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Die Art der Selbstverletzung ist nicht immer das klassische Ritzen, also das Schneiden mit scharfen Gegenständen. Auch absichtliche Verbrennungen gehören zu den Arten der Selbstverletzung. Für die Eltern sieht das immer dramatisch aus – ist es aber nicht zwangsläufig. „Selbstverletzungen sind nicht automatisch Selbstmordversuche", so Michael Nürnberger. Allerdings sollte man suizidale Gedanken natürlich ausschließen. „Bei wiederholter oder starker Selbstverletzung oder wenn andere starke Auffälligkeiten auftreten, sollte dringend fachliche Hilfe in Anspruch genommen werden."

Warum sich Jugendliche selbst verletzen, kann verschiedene Gründe haben. Der eine will es vielleicht einfach nur einmal ausprobieren, für die andere ist es eine Mutprobe. Wieder eine andere macht damit auf Probleme in der Familie, der Schule, im Freundeskreis aufmerksam. Und nicht zuletzt kann es auch eine psychische Krankheit sein. Erste Warnsignale für schwere Probleme können sein, dass sich der Jugendliche immer mehr zurückzieht, seine Stimmung stärker schwankt als sonst, dass er stark angespannt ist oder sich seine schulischen Leistungen extrem verschlechtern. Aufhorchen sollte man auch, wenn sich das Kind von seinen Freunden zurückzieht. Auch dann, wenn es aus Sicht der Eltern die falschen Freunde wären. „Lieber falsche Freunde, als gar keine", sagt Nürnberger.

Wenn einem auffällt, dass sich das Kind selbst verletzt: nicht durchdrehen. „Dann merkt das Kind, ah, damit kann ich die Mama so richtig schön hochschießen", sagt Nürnberger. Er sagt aber auch: „Sprechen Sie den Jugendlichen offen auf seine Selbstverletzung an." Ohne Vorwürfe und erst recht ohne Bestrafungen oder gar Gewalt. Die Erwachsenen sollen den Kindern als Gesprächspartner zur Verfügung stehen, sich als solche aber nicht aufdrängen. „Zu viel Nachbohren und Druck sorgt für Rückzug und Verheimlichen", so Nürnberger. Je nachdem wie stark die Verletzungen sind, müssen die Wunden natürlich auch versorgt werden.

Hier gibt es fachliche Hilfe:

  • Beim Kinder- oder Hausarzt
  • Bei psychologischen Beratungsstellen
  • Bei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten
  • In Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxen
  • In der Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie des Bezirkskrankenhauses Bayreuth

In einer Therapie gehe es dann darum, herauszufinden, was die Jugendlichen belastet und ihnen dabei zu helfen, Schwierigkeiten zu lösen und zu lernen, wie sich Gefühle regulieren lassen. Immer geht es auch darum, das Selbstwertgefühl der Jugendlichen zu stärken.

Kontakt:

Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
am Bezirkskrankenhaus Bayreuth
Nordring 2
95445 Bayreuth
Telefon: 0921/3823201

Uli Sommerer Psychiatrie

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